VIDEO • TOMAK – MALPRACTICE

Video  © Kristina Kulakova

TOMAK – MALPRACTICE

TOMAK ist nicht bloß Künstler – er ist eine Kunstfigur, eine Inszenierung und eine Marke. Fünf Großbuchstaben, die zunächst völlig wertfrei erscheinen, haben sich in den vergangenen Jahren zu einer Kampfansage entwickelt – eine Art Faustschlag ins Gesicht. Ein Pseudonym, das wir mit brutalen, harten und teils überheblichen (Selbst-) Porträts, wie auch mit präzisen, technischen, wissenschaftlich anmutenden Zeichnungen assoziieren, die uns mit einer Fülle an Informationen, kritischen Auseinandersetzungen und fundierten literarischen Verweisen überfordern können. TOMAK polarisiert, provoziert, erhebt sich selbst auf ein unübersehbares Podest und ist dabei vor allem eines: dagegen.

Dagegen ist auch der Titel seiner nächsten Ausstellung: Nach seiner Teilnahme in der Gruppenausstellung „Das gezeichnete Ich“ im Joanneum/ Bruseum präsentiert der Posterboy of Antikunst nun mit der Ausstellung MALPRACTICE – was sich als Amtsmissbrauch oder Untat übersetzen lässt – einen Rückblick auf das letzte Jahr und füllt damit den 500m2 Offspace, den Lisa Kandlhofer gemeinsam mit ihm bespielt.  Doch TOMAK wäre nicht TOMAK, wenn er sein enorm produktives Jahr nicht noch um ein weiteres Glanzstück erweitern würde: Der gleichnamige, 256 Seiten starke Katalog mit ausgewählten Texten und Interviews von u.a. Roman Grabner und Elsy Lahner ist vor wenigen Tagen im Verlag für Moderne Kunst erschienen.

„TOMAK ist ein Antist, der Posterboy of Antikunst, der sich der politischen Correctness, dem Gleichförmigen, dem ‚Gelackten‘, wie er das nennt, entgegenstellt. Antonio Gramsci fand dafür den Begriff der ‚kulturellen Hegemonie‘, eine Beschreibung für die allgemeingültig gewordenen Werte der Bourgeoisie. Herrschaft erwuchs seines Erachtens nicht nur aus Repression, sondern aus ‚Konsens, gepanzert mit Zwang‘. TOMAK’s Name ist also Programm, und sein Name ist ein nom de guerre. Seine Diktion ist die des kategorischen Imperativs, sein Auftreten das der kalkulierten Provokation, sein Manifest ist eines gegen alle und alles: ‚Einer von euch, über euch, gegen euch.“

(Roman Grabner, Leiter BRUSEUM)

Maschinen, Konstruktionspläne, anatomische Lehrtafeln und die Überforderung mittels Überlagerung sind charakteristisch für die Arbeiten von TOMAK. Das Zerlegen des Menschen und der Maschine in Einzelteile gibt nicht bloß Aufschluss über die Konstruktion, sondern führt über die Sichtbarmachung hinaus zu einer Vernetzung und Verwebung von scheinbar kontrastierenden Disziplinen oder Objekten. In ihrer Zusammenführung an einem Ort vermögen sie den Blick auf die Wirklichkeit zu verändern. Bildelemente werden mittels von Adergeflechten, Nervensystemen, maschinellen Konstruktions- oder Schaltplänen, die von einer Art Röntgenblick zu zeugen scheinen, erweitert oder miteinander verknüpft. Strukturen, deren Ursprungsmoment sich tatsächlich bereits in der Kindheit von TOMAK verorten lässt: Hochkomplizierte Konstruktionspläne von Maschinen wie auch Schnittmuster für einfache Kleidungsstücke prägten seinen Alltag. Das Geflecht wird zum konsistenzgebenden Element, zum Kerncharakteristikum von TOMAK: Der Mensch wird zur Maschine oder der Mensch wird in die Maschinerie der Welt eingebettet.

Oder TOMAK selbst wird zur Maschine: Zum AUTOMAK. Er steht im Mittelpunkt – und das nicht im Sinne einer Selbstheroisierung, sondern vielmehr im Sinne einer Identitätsfrage, die sich auf unsere Gesellschaft und die zunehmende Technisierung übertragen lässt. Dieses Spannungsfeld rund um das eigene Körperbild und die intensive Auseinandersetzung mit dem Mensch als Maschine fokussiert TOMAK in seinem grafischen Zyklus Ecce Machina, in der er seine eigene Entwicklung von einer Echse zum Maschinenmenschen AUTOMAK visualisiert und präzise dokumentiert. Eine fiktive Geschichte, die dennoch jedem Individuum bis zu einem gewissen Grad eingeschrieben bleibt und divergente Leseweisen aufwirft: Im pathologischen Sinne als eine krankhafte Missbildung oder als beeindruckenden Erweiterung der Körperfunktion. Diese Form der Veränderung ist allerdings nicht rein auf materieller, körperlicher Ebene zu lesen, sondern lässt sich ebenso auf gesellschaftliche Konventionen und Normierungen übertragen.

Doch TOMAK entwickelt sich nicht nur zum Übermenschen: In seinem Zyklus T. R. A. F. O. – The Rise and Fall of Tomaque Deville zersetzt er sich selber, löscht sich teilweise aus, oder verdeckt Partien seiner Selbstporträts mit anderen Ausschnitten. Überlagerungen, das Stören und Zerstören sind die wesentlichen Mittel und Werkzeuge für TOMAK. T. R. A. F. O. ist eine „fiktive Autobiographie“ vom Kind zum Erwachsenen. Neben diesen Werkzyklen präsentiert TOMAK in der Ausstellung auch TOMAK & die Waldorf Astoria – ein Zyklus, der in einer zweimonatigen Zusammenarbeit mit Schülern der Rudolf Steiner Schule entstanden ist. TOMAK hat eine Neuinterpretation der Serie „Kind und Welt“ – eine Serie von Fotocollagen der Wiener Gruppe (Gerhard Rühm, Oswald Wiener) von 1958 – vollzogen und den Blick der Schüler dabei auf zeitgenössische Kunst gelenkt, um „[…] die Absurditäten in den Köpfen (rauszukitzeln).“

„Bis zum sechsten, siebenten Lebensjahr sind alle noch Menschen, aber dann werden die meisten zu Bürgern gemacht. Ja, dann werden die Kinder zu Bürgern assimiliert. Die Angepasstheit, die Unzufriedenheit, die Verkrampfung machen sich plötzlich im Kopf breit. Kunst hilft mit, dass man nicht in diese Zwänge verfällt, offen bleibt.“

(TOMAK)

// Text von Sabrina Möller

TOMAK – Malpractice

Exhibition: 17.11 – 17.12.2015
Lisabird Contemporary • Brucknerstraße 4 • 1040 Vienna
www.lisabird.at