Exhibition View PETER MILLER 'AKTINITÄT' Galerie Crone Vienna Courtesy: Galerie Crone

Peter Miller ist Fotograf – und die Fotografie das Thema seiner derzeitigen Ausstellung „Aktinität“ in der Galerie Crone in Wien. Doch die klassische Fotografie wird man in dieser Ausstellung fast vergeblich suchen.

Ausstellungsansicht PETER MILLER 'AKTINITÄT' 11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien Detail: Peter Miller, Kamera für Röntgen, 2015 Mit Blei verplombte Kamera, 60 x 66 x 167 cm Unikat Courtesy: Galerie Crone

Ausstellungsansicht PETER MILLER ‚AKTINITÄT‘
11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien
Detail: Peter Miller, Kamera für Röntgen, 2015
Mit Blei verplombte Kamera, 60 x 66 x 167 cm Unikat
Courtesy: Galerie Crone © Sophie Thun

Mitten im Raum der Galerie befindet sich eine vollständig mit Blei ummantelte, historisch anmutende Großformatkamera. In feinster Handarbeit hat Miller die einzelnen Bleiplatten mit dem Hammer bearbeitet, um das Objekt passgenau zu verplomben – eine Herausforderung mit den diversen Balgen der Kamera. Doch welche Funktion hat diese Kamera noch, wenn kein Licht in sie eindringen kann, wenn man nicht durch sie hindurch blicken kann, wenn sie um das bildgebende Moment beraubt wird? Der Titel der Arbeit „Kamera für Röntgen“ gibt Aufschluss: Ein Verweis auf die Materialität der hinzugefügten, äußeren Hülle. Denn das Verfahren der Röntgendiagnostik ist eng mit dem Material Blei verbunden. Es dient uns als Schutz vor der Strahlung: In Trennwänden und Schutzschürzen wird es verarbeitet, da das Metall die Strahlung absorbiert. Wie auch in dieser Arbeit. Das Blei schützt und schränkt zugleich ein, indem der Schutz vor dem Tageslicht – der im Gegensatz zur Röntgendiagnostik unproblematisch ist – die Fotoproduktion unmöglich macht. Doch eben dieses Objekt ist paradigmatisch für die Ausstellung. Denn der amerikanische Fotograf Peter Miller arbeitet mit Werkzeugen der Fotografie, verweist in seinen Materialien und Objekten ständig auf sie, ohne klassische Fotografie zu betreiben. Er erweitert damit vielmehr die Fotografie, überführt sie von der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität des Raumes und erweitert damit auch sein Labor.

Ausstellungsansicht PETER MILLER 'AKTINITÄT' 11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien Courtesy: Galerie Crone

Ausstellungsansicht PETER MILLER ‚AKTINITÄT‘
11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien
Courtesy: Galerie Crone © Sophie Thun

Der experimentelle Umgang mit Licht und fotochemischen Prozessen als roter Faden ermöglicht dabei die Arbeit mit unterschiedlichen Materialien, Bildträgern und Objekten. „Aktinität“ – so der Titel der Ausstellung – lässt sich aus dem Griechischen mit „Strahl“ übersetzen. In der Fotografie verwendet man den Begriff von „aktinischen Chemikalien“ hingegen für sämtliche licht- und strahlungsempfindliche Materialien. Dazu gehört unter anderem die Cyanotypie – auch als Blaudruck bekannt -, die erst durch Anna Atkins wirklich bekannt wurde. Sie veröffentlichte im 19. Jahrhundert das erste Buch, das ausschließlich mit fotografischen Verfahren illustriert wurde – darunter eben auch die Cyanotypie, die von Sir John Herschel 1842 als erstes Verfahren entwickelt wurde, das nicht wie bis dahin üblich auf Silber, sondern auf Eisen beruht.

Eine Lösung, die Miller in der Arbeit „Rain on a sunny Day“ auf einen 230 x 140 cm großen, mit Stoff bezogenen Keilrahmen aufgetragen hat. Leicht schräg angewinkelt positionierte Miller die Arbeit draußen – das Labor und der Entwicklungsprozess wurden in den Außenraum verlegt. Die Lösung, die im unbelichteten Zustand wasserlöslich ist, wurde dabei vom Regen teilweise abgewaschen, während die anderen Stellen sich langsam unter dem Tageslicht blau verfärbten. Ab dem Moment, in dem die Lösung mit Licht reagiert, verfestigt sich ihre Struktur und sie wird wasserunlöslich. Das Ergebnis ist eine vom herabfließenden Regen gekennzeichnete Oberfläche – die Spuren vom Regen. Für die Arbeit „Maschine“ hat Miller das gleiche Verfahren verwendet. Die Maschine ist in diesem Fall ein Papierflieger, den Miller mit den für die Cyanotypie notwendigen Lösungen getränkt hat  – und diesen dann dem Licht ausgesetzt hat. Am Ende des Prozesses hat Miller den Papierflieger wieder geglättet. Die Faltungen des Papiers sind noch sichtbar und werden wesentlich durch die unterschiedlichen Blaufärbungen – die je nach Licht- und Schatteneinfall variieren – verstärkt. Ob dieser Papierflieger trotz der Tränkung in der Lösung und dem damit höheren Gewicht geflogen ist, bleibt für den Betrachter erst einmal offen.

Ausstellungsansicht PETER MILLER 'AKTINITÄT' 11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien Detail: Peter Miller, Halleys Lamp, 2009 Zeitschaltuhren, Lampe, Papier, Größen variabel Unikat Courtesy: Galerie Crone

Ausstellungsansicht PETER MILLER ‚AKTINITÄT‘
11. November 2015 bis 13. Januar 2016, Galerie Crone Wien
Detail: Peter Miller, Halleys Lamp, 2009
Zeitschaltuhren, Lampe, Papier, Größen variabel Unikat
Courtesy: Galerie Crone © Sophie Thun

Etwas unauffällig liegt direkt an einer Wand am Boden eine Lampe – bzw. eine Glühbirne, die an vier Zeitschaltuhren angeschlossen ist. An der Wand hängt daneben ein handgeschriebener Zettel mit mathematischen Rechnungen. Ausgehend von „24h hours“ werden dort Stunden addiert und multipliziert – bis das Ergebnis der Rechnungen bei 75.7 Jahren liegt. Darunter steht: „Halleys Lamp“. So auch der Titel der Arbeit. Doch wer ist eigentlich Halley? Etwa alle 76 Jahre besucht Halley die Erde. Oder er nähert sich ihr zumindest an. Halley ist einer der bekanntesten periodischen Kometen, die mit dem freien Auge aufgrund ihrer Lichtstärke beobachtet werden können. Seinen letzten Besuch stattete Halley der Erde 1986 ab. Seine Wiederkehr wird für 2061 erwartet. Genau dieses Zeitintervall verwendete Miller für die Glühbirne: Er stellte die 4 Zeitschaltuhren so ein, dass die Glühbirne in genau 76 Jahren einmal für einen Moment leuchten wird. Doch niemand weiß genau, wann das der Fall sein wird. Das Fortschreiten der Zeitschaltuhren ist an den Strom gebunden – jeder Transport, jeder Stromausfall führt zu einer Verzögerung, sodass man nur Vermutungen darüber anstellen kann, wann die Glühbirne leuchten wird. Ob sie bis dahin auch noch funktionsfähig ist, wird eine andere zu klärende Frage sein. Und das sind nur einige spannende Fragen und Momente, die es in der Ausstellung zu sehen gibt. Denn Miller führt das durch Man Ray bekannt gewordene Fotogramm ab-absurdum, widmet László Moholy-Nagy eine Hommage und beschäftigt sich mit den Chakren und ihre zugehörigen Kristallen. Definitiv sehenswert.

// Sabrina Möller

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Peter Miller • Aktinität 

Ausstellung: 11/11/2015 – 13/01/2016

Galerie Crone • Getreidemarkt 14 – Eingang Eschenbachgasse • 1010 Wien

www.galeriecrone.at