Painted, aus dem Projekt „GOLDEN JOINERY“, 2015
Courtesy: ecm-Masterlehrganges der Universität für angewandte Kunst Wien.

DIE ÄSTHETIK DES TEXTILEN WIDERSTANDS

Der Frage, ob künstlerische Praktiken Widerstand gegenüber der Mode und ihren Mechanismen üben können – und wie solch Widerständiges aussehen kann – geht aktuell die Ausstellung mit dem Titel Für Garderobe wird nicht gehaftet nach. Kuratiert von den 21 Studenten und Studentinnen des ecm-Lehrgangs der Universität für Angewandte Kunst in Wien, geht das Vorhaben über die reine Ausstellungsform hinaus und versteht sich als Diskursprojekt. Ein breites Rahmenprogramm aus Performances, Diskussionen und Rundgängen wird dabei im Angewandte Innovation Lab (AIL) und im öffentlichen Raum gezeigt. Kathrin Heinrich berichtet … 

Vivienne Westwood, Leebo Corset Dress, Collection: UNISEX – “Time to Act”, Look: #47, Season: Autumn-Winter 15/16 (Foto: UGO Camera for Vivienne Westwood) Courtesy: ecm-Masterlehrganges der Universität für angewandte Kunst Wien

Vivienne Westwood, Leebo Corset Dress, Collection: UNISEX – “Time to Act”, Look: #47, Season: Autumn-Winter 15/16 (Foto: UGO Camera for Vivienne Westwood)
Courtesy: ecm-Masterlehrganges der Universität für angewandte Kunst Wien

Kritik an der Mode ist in den letzten Jahren zunehmend stärker geworden, etwa an den unfairen Arbeitsbedingungen und ausbeuterischen Herstellungspraktiken in der Produktion, oder an ihrer Funktion als soziales Machtinstrument, das Geschlechterrollen und Stereotypen zementiert. Diese Kritik nehmen die Kuratoren und Kuratorinnen als Ausgangspunkt für drei zentrale Fragen, welche die Ausstellung thematisch und räumlich gliedern: Wie wird Mode produziert? Wie produziert Mode uns? Und: Was tun?

Dass diese sehr allgemein gestellten Fragen keineswegs leicht zu beantworten sind, wird bereits im ersten Ausstellungsabschnitt deutlich, der der Produktion von Mode gewidmet ist. Anstatt eine umfassende Darstellung der Problematiken in der Herstellung von Kleidung anzustreben – wie es etwa die momentan in Dresden zu sehende Ausstellung Fast Fashion: Die Schattenseiten der Mode versucht – legen die Kuratoren und Kuratorinnen im AIL das Augenmerk auf die lokale Textilbranche und ihre Geschichte. Schließlich befindet man sich hier am Franz-Josefs-Kai im Randgebiet des ehemaligen Wiener Textilviertels, das sich einst vom Julius-Raab-Platz über den Salzgries bis hin zum Schottenring zog. Und von dessen Existenz heute nur mehr wenige Überbleibsel zeugen – wie etwa die Hutmanufaktur Mühlbauer am Schwedenplatz. Gegenübergestellt wird die Darstellung der Geschichte des Viertels nur wenigen Arbeiten, die sich mit der textilen Produktion auf sehr persönlicher Ebene auseinandersetzen, wie etwa die wandeinnehmende Stoffskulptur Can a Woman Make the Big Piece? von Jelena Fuzinato und Bojana Stamenkovic, die in gemeinsamer Handarbeit mit 40 Frauen aus deren Bekleidung entstand. Ein Dialog zu feminisierter Arbeit und eine Integration junger Frauen in die Kunstwelt, die zuvor keine Berührungspunkte mit dieser hatten.

Painted, aus dem Projekt „GOLDEN JOINERY“, 2015 Courtesy: ecm-Masterlehrganges der Universität für angewandte Kunst Wien.

Painted, aus dem Projekt „GOLDEN JOINERY“, 2015
Courtesy: ecm-Masterlehrganges der Universität für angewandte Kunst Wien.

Im Untergeschoss des AILs wird anschließend die Frage, wie Mode die Gesellschaft bzw. Identität produziert, beleuchtet. Die hier gezeigten Arbeiten setzen sich insbesondere mit Genderproblematiken auseinander und verwischen dabei die Grenzen zwischen Stereotypen. So etwa die Installation Madame Tina von Jakob Lena Knebl, die durch den Einsatz von Spiegeln auch den Betrachter selbst in das Spiel von Identität als Transformation einbindet. Oder ein typisch barockisierendes, tief dekolletiertes Abendkleid aus Schimmertaft der Designerin Vivienne Westwood, das jedoch ihrer Herrenkollektion entstammt. Ein weiterer zentraler Aspekt, mit dem sich zahlreiche Arbeiten beschäftigen, ist der des Verhüllens oder auch Verschleierns. Einerseits in Bezug auf die traditionellen weiblichen Bekleidungen in anderen Kulturen – so wird etwa eine alternative Pop-Burka des belgischen Designers Walter Van Beirendonck gezeigt – oder die Videoarbeit Undressing der Künstlerin Nilbar Güres. Sie filmt sich selbst, während sie ein Kopftuch nach dem anderen abnimmt, unter dem jeweils ein neues zum Vorschein kommt. Dabei nennt sie stets einen weiblichen Namen aus ihrem Bekanntenkreis, um kritisch auf das weibliche Rollenverständnis zwischen traditioneller Kleidungsvorschrift und persönlichem Sozialgefüge zu verweisen. Andererseits bezieht sich das Verhüllen auch auf Masken im wörtlichen Sinne: Die Guy-Fawkes-Maske, die durch das Internetkollektiv Anonymus Bekanntheit erlangt hat, wird einem Harlekin-Anzug des Mittelalters gegenübergestellt, der den Träger dazu befähigte in der Rolle des Gauklers unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Die Stufen wieder hinauf, befinden sich im letzten Raum des AILs jene Arbeiten, die eine Antwort geben könnten auf die Frage: „Was tun?“ Die Einladung zum Anti-Shopping etwa ermuntert den Betrachter, Kleidung in ein Geschäft zu bringen, mit Etiketten zu versehen und diese unauffällig dort zu platzieren, um schließlich mit leeren Taschen befreit nach Hause zu gehen.

Weniger radikal, aber umso poetischer ist der Ansatz des niederländischen Modekollektivs Painted. Ihr Projekt Golden Joinery dreht sich um die Schönheit des Unperfekten und hat zum Ziel löchriger sowie alter Kleidung neues Leben einzuhauchen. Mit goldenen Garnen geflickt, wird die glänzende Reperaturnaht zu einer Narbe, die mit Stolz und Bewusstsein für die Geschichte des Kleidungsstücks getragen werden soll.

Micha Payer / Martin Gabriel, „Im Fluss“, 2008 (Courtesy Christine König Galerie, Wien)

Micha Payer / Martin Gabriel, „Im Fluss“, 2008 (Courtesy Christine König Galerie, Wien)

Vorschläge zur alternativen Entwicklung von Kleidungsstücken sind unter anderem durch das Shapeshifting-Projekt von Lehrenden und Studierenden der Angewandten vertreten. Darunter auch Arbeiten von Afra Kirchdorfer und Monika Haas in der Ausstellungsexpositur am anderen Ende des ehemaligen Textilviertels, im Geschäft Lord Rieger in der Gonzagagasse. Sowohl das Shapeshifting-Projekt als auch Kirchdorfers Bekleidungssystem setzen auf immer neu kombinierbare Module, die am eigenen Körper nach Belieben arrangiert werden können und so eine Schnittkonstruktion abseits von den normierten Schneiderpuppen und digitalen Vermessungen ermöglichen sollen.

Zusammen ergeben diese drei Ausstellungsbereiche ein harmonisches Gefüge, das nicht versucht nur statisch einen Ist-Zustand abzubilden, sondern einen Dialog führen will und den Ausstellungsbesucher zur Teilnahme am diskursiven Programm einlädt. Das 21-köpfige Team hinter der Ausstellung hat ein Jahr an Konzeption und Aufbau der Ausstellung gearbeitet und dabei versucht, jede Entscheidung demokratisch zu fällen und in der Gruppe ausführlich zu diskutieren. Dieser Prozess sei zwar zeitaufwändig gewesen, berichtet Anastasia Soutormina, eine der Kuratorinnen, jedoch auch bereichernd. Besonderen Wert legte das Team darauf, das Schaffen von ebenfalls im Kollektiv arbeitenden Künstlern zu zeigen. Differenzen in der Auswahl der künstlerischen Arbeiten hätte es dabei kaum gegeben, lediglich auf eine einzige umstrittene Arbeit konnte man sich nicht einigen – sie sei zu extrem gewesen. Brav ist die Ausstellung dennoch nicht geworden, im Gegenteil: Sie überzeugt durch die vielfältigen kritischen Positionen und deren Anbindung an die lokale Geschichte des Wiener Textilviertels und gibt Hoffnung auf eine mögliche Wiederbelebung der Gegend.

// Kathrin Heinrich

 

Für Garderobe wird nicht gehaftet

Die Ausstellung ist noch vom 7.1. – 17.1.2016 zu sehen. Am 13.1.2016 wird die Publikation zur Ausstellung, das Magazin Garderobe, im Rahmen einer performativen Präsentation vorgestellt.

Ausstellungsdauer: 10. bis 20. Dezember 2015 und 7. bis 17. Jänner 2016 • 11 – 20 Uhr
Wo: Angewandte Innovation Laboratory (AIL) • Franz Josefs Kai 3 • A-1010 Wien • im öffentlicher Raum