Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015
© The artists
Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Verformbare Materialität – ‘Maisons Fragiles’ bei Hauser & Wirth 

‘Maisons Fragiles’, die neue Ausstellung in der Londoner Galerie von Hauser & Wirth zeigt Werke aus sechs Jahrzehnten von neun verschiedenen Künstlern, darunter Louise Bourgeois, Alexander Calder, Isa Genzken, Robert Gober, Eva Hesse, Roni Horn, Gordon Matta-Clark, Fausto Metti und Richard Serra. Die Künstler haben sich in ihren Werken mit Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit und Schutz auseinandergesetzt. Herausgekommen sind einzigartige Synthesen aus Konzept und Material. Jedes der Werke spricht seine eigene Sprache und beleuchtet einen anderen Aspekt der Thematiken. 

Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015 © The artists Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015
© The artists
Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Der Name der Ausstellung, ‘Maisons Fragiles’ geht auf eines der Hauptwerke der Ausstellung zurück, nämlich auf Louise Bourgeois’ Maisons Fragiles (1978), das sich in der Mitte des Raumes Richtung Decke reckt. Wie ein Großteil von Bourgeois Werk verlagert auch Maisons Fragiles psychoanalytische Fragestellungen in die Welt der Skulptur. Maisons fragiles ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Desillusionierung, die das häusliche Leben mit sich bringt und der Gefangenschaft alles Weiblichen. Durch die Darstellung der Fragilität des ‚Zuhauses‘ als Ort des Schutzes und der Behaglichkeit, verbildlicht dieses Werk eines der Hauptthemen der Ausstellung. Letztendlich ist das namengebende Werk dieser Ausstellung selbst ein „Maison fragile“: die Material gewordene Idee der Zerbrechlichkeit des menschlichem Refugiums. Dennoch reflektiert die Instabilität der rechteckigen Komposition mit ihrem hohlen Inneren das in Bourgeois‘ Werk immer wieder zu findende verlorene Vertrauen in ein Zuhause oder in eine heimische Ordnung als Quelle des Schutzes. Abgesehen von dieser offenkundig biographischen Interpretation beinhaltet dieses Werk weitere Elemente der Beklemmung. Diesem Gedankengang folgend, lässt die dialektische Spannung zwischen der gefühlten Zerbrechlichkeit der architektonischen Struktur und der Stärke ihres stählernen Materials zugleich ein Gefühl der Gefangenschaft des weiblichen Geschlechts und der Durchdringbarkeit seines ‚Gefängnisses‘ aufkommen. Der Stahlrahmen der ‚Häuslichkeit‘ ist zugleich fest und verzerrt. Das Werk kann daher als Kommentar zur Instabilität gesellschaftlich geformter Geschlechtsidentitäten verstanden werden – und zu dem einengenden Einfluss, den diese auf die Psyche ausüben.

Ebenso engagiert ist Splitting (1974) von Gordon Matta-Clark. Matta-Clark, Architekt, hat der zweckmäßigen Architektur den Rücken zugewandt und sich der Zerstörung verlassener Gebäude gewidmet. Mit einer Kettensäge deformiert er Strukturen, um so unerwartete Öffnungen und Einschnitte offenzulegen. Sein Werk präsentiert die Vision einer Entmenschlichung der modernen Welt, in der alle schützenden Normen mit denen wir uns umhüllen, unterworfen wurden. In dieser ikonischen Arbeit hat Matta-Clark ein Vorstadthaus in New Jersey in zwei Hälften zersägt, wodurch er einen Lichtstrahl freisetzte, welcher den Eindruck der von Menschen geschaffenen artifiziellen Struktur auf einen bloßen Schatten reduzierte. Dieses Werk vermittelt ein Gefühl der Unbeständigkeit, sowohl der architektonischen Struktur, als auch der Werte, die die es beinhaltet.

Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015 © The artists Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015
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Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015 © The artists Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Installation view, ‘Maisons Fragiles’, Hauser & Wirth London, 2015
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Courtesy the artists and Hauser & Wirth

Im grösseren Raum der Galerie erforscht auch Robert Gober in seinem Werk Untitled (Bent Door) (1988) den Begriff des Zuhauses. Gober ist für seine unheimliche Darstellung  eigentlich vertrauter Architektur und Objekte bekannt. Er untergräbt dabei den Kontext und die Konfiguration aus der wir diese normalerweise betrachten. Er versucht im Betrachter eine zermürbte und verwirrte Reaktion hervorzurufen, indem er alle emotionalen und körperlichen Nebenbedeutungen manipuliert, die der Betrachter normalerweise mit diesen Objekten verbinden würde. Leider ist Untitled (Bent Door) ein schlechtes Beispiel dieses Verfahrens. Das Werk wurde wohl direkt am Eingang der Galerie platziert, um den Betrachter zu verunsichern – dennoch wirkt diese Arbeit innerhalb der Ausstellung eher leer, wenn wir nach einer spürbaren emotionalen Wirkung suchen, und besonders wenn wir dieses Werk neben anderen, wie zum Beispiel von Bourgeois und Matta-Clark, betrachten. In diesem Kontext wirkt Gobers Arbeit eher amüsant als verstörend, auch aufgrund der Bildsprache der Türe, die wie ein Hausdach in einem Komik gefaltet ist.

Einer der wohl bedeutensten Aspekte dieser Ausstellung liegt eindeutig in Auseinandersetzung mit der inherenten Materialität der Werke, sowie den stark kontrastierenden Eindrücken von Schwere und Textur. In diesem Punkt erscheint mir das kuratorische Vorwort, das Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit als Schwerpunkt der Ausstellung beschreibt, unvollständig. Die Materialität innerhalb der Arbeiten stellt einen Dialog, oder sogar eine Auseinandersetzung, zwischen den Konzepten von Kraft und Verletzlichkeit dar.

Roni Horns Two Pink Tons (2008), das wohl interessanteste Ausstellungsstück in dem kleineren Galerieraum, strahlt diese Spannung zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit aus. In diesem Werk manipuliert Horn unsere vorgefassten Meinungen bezüglich der physikalischen Eigenschaften von Glas mit einem gegensätzlichen bildhaften Eindruck. Dort, wo man sich das Material dünn und zerbrechlich vorstellen würde, stehen wir vor zwei langen, schweren, Platten, die nebeneinander auf dem Boden liegen. Das Zusammenspiel zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit geht allerdings noch weiter, insofern als die Skulptur aus zwei Wasserbecken zu bestehen scheint. Two Pink Tons spielt mit dem Widerspruch zwischen den Eigenschaften eines traditionsgemäß so zerbrechlichen Materials, das hier als eine derart solide Struktur in Erscheinung tritt und sich hinter dem Erscheinungsbild des vergänglichen, ruhigen Wassers versteckt. Demnach stellt dieses Werk die ultimative Erforschung einer verformbaren Auffassung von Verletzlichkeit und Kraft dar. Meiner Meinung nach ist der aussagekräftigste Aspekt der kuratorischen Arbeit durch den Dialog zwischen den Werken und dem Betrachter gegeben, da dieser dazu auffordert, die Auffassung von wirklicher Verletzbarkeit (Verletzlichkeit) zu hinterfragen.

Abby McKenzie

Maisons Fragiles

Ausstellung: noch bis 06/02/2016.
Hauser & Wirth • 23 Savile Row • London W1S 2ET
www.hauserwirth.com