_9997963 copy copy

Winning hearts and minds – Interview mit Andreas Duscha

Kürzlich eröffnete der in Wien lebende Künstler Andreas Duscha seine erste Einzelausstellung in der Galerie Christine König. In „Winning hearts and minds“ setzt Duscha sich mit gewaltbereiter Protestkultur und dem Phänomen des Schläfers auseinander – eine hoch-aktuelle, zeitpolitische Ausstellung.

 

Exhibition View Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016 Galerie Christine König, Vienna © Ralf Kliem

Exhibition View
Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016
Galerie Christine König, Vienna
© Ralf Kliem

Winning hearts and minds – der Titel deiner aktuellen Ausstellung klingt zunächst danach, als wolltest du neue Follower für Instagram begeistern, neue Fans für deine Arbeit gewinnen. Tatsächlich hast du diesen Slogan der US-Anti-Terrorpolitik entlehnt. Eine Strategie des amerikanischen Militärs, bei der man versucht im Rahmen von Auslandseinsätzen die Bevölkerung umgehend auf deren Seite zu ziehen, um das Terrorpotential zu reduzieren. Letztendlich, um sich selber einen strategischen Vorteil zu verschaffen. Inwiefern wird diese Strategie, dieser Slogan, innerhalb deiner Ausstellung sichtbar? 

Der Titel ist natürlich intendiert – einerseits wegen dem Inhalt, andererseits eben weil dieser überspitzt klingt. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit gewaltbereiter Protestkultur. In dieser Auseinandersetzung stößt man relativ schnell auf diesen Slogan, der bereits seit den 60er Jahren verwendet wird und durch den Vietnamkrieg bekannt wurde. Der Slogan „Winning hearts and minds“ steht für eine Präventivstrategie, die aus Gegnern Freunde macht, um den Terrorismus im Kern zu ersticken. Erst wenn man weiß, was sich dahinter verbirgt, bekommen diese Worte einen bitteren Beigeschmack.

Der Inhalt der Ausstellung ist wichtig, aber es gibt auch einen humoristischen Aspekt. Schließlich ist es eine Ausstellung in einer Galerie, in der es immer auch um Repräsentation und Verkauf geht. Die Möglichkeit des Kaufs schafft dabei eine weitere Ebene: Mein subversives Gedankengut wird zu den Käufern nach Hause getragen. Die Arbeiten basieren zwar auf gewissen ästhetischen Paradigmen, doch der Inhalt ist sehr komplex.

Mit der Thematik des Terrors und dem Phänomen des Schläfers hast du für deine Ausstellung ein hochaktuelles Thema gewählt, das neben den Anschlägen von Paris und der seither verbreiteten Angst auch eng mit aktuellen Flüchtlingsproblematiken verknüpft ist. Warum hast dich entschieden, ein so politisch aktuelles und zeitgleich gesellschaftlich spaltendes Thema für deine erste Ausstellung in der Galerie Christine König zu wählen? 

Diese Thematik ist extrem aktuell und zeitpolitisch. Doch die Strategie des Schläfers gibt es bereits seit 500 v. Chr., sodass dies eigentlich nichts Neues ist. Die Verbreitung von Angst und Schrecken als Taktik funktioniert. Die Terroristen schaffen ein Gefühl des generellen Unwohlseins. Es geht um das Unbehagen der Kulturen – eine freud’sche Herangehensweise.

Eine der Arbeiten aus der Ausstellung reflektiert zwar auf Paris, jedoch eher im Bezug auf die Medienresonanz. Nach den Attentaten wurde permanent berichtet: real existierendes, 10-minütiges Bildmaterial wurde dabei auf eine Dauer von 24 Stunden gestreckt und permanent wiederholt. Es gab wenige Informationen, sondern vielmehr Tratsch. In einem solchen Moment kann eine Randfigur in den Fokus der Berichterstattungen gelangen: Da kommt dann plötzlich dieser Typ ins Spiel, der erzählt, wie ihm sein Handy das Leben gerettet hat. Die Medien haben sich auf ihn gestürzt und Interviews mit ihm geführt – ohne zu hinterfragen, ob diese Geschichte überhaupt stimmt.

Ich habe einen Screenshot von seinem Handydisplay gemacht und dieses 1:1 übertragen. Auf ästhetischer Ebene erinnert das Ergebnis an einen Fingerabdruck. Es geht dabei auch um die Frage nach wahr oder falsch.

Der „Erfolg“ eines Attentates wird wesentlich daran bemessen, wie unerwartet es ausgeführt wird – und das nicht nur aus zeitlicher Sicht, sondern auch hinsichtlich der Ortswahl. Neben der Instandhaltung der äußeren Rolle des Schläfers, wird damit auch seine Aktivierung zu einem der entscheidenden Momente: Die Codierung der Kommunikation, die Umlegung des Schalters. Auf welche Formen der Codierung bist du bei deinen Recherchen gestoßen? 

Die Bandbreite der Vermittlung von Information ist natürlich enorm. Beispielsweise haben Anhänger des Leuchtenden Pfads in Peru über die Farbcodes von Silvester-Raketen kommuniziert. Geheimbotschaften enthalten Informationen, die der Andere nicht sehen soll. Dazu habe ich bestimmte Analogien hergestellt. Die Arbeit mit dem Screenshot des Handy’s heißt Telephone 1. Telephone 2 ist ein Spiegel, in dem ein Gedicht eingeätzt ist. Die Arbeit beruht auf keiner realen Begebenheit, sondern ist fiktional und dem Film „Telephone“ von 1977 entnommen. In der Geschichte geht es um die Entführung amerikanischer Staatsbürger, die in Russland einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind. Das Gedicht von Robert Frost diente als Aktivierung der Schläfer. Für mich ist dabei gar nicht wichtig, ob das in einem fiktiven Film passiert ist oder auf realen Ereignisse basiert.

Man sieht daran auch gut, wie sich Feindbilder verschieben. In der Zeit des kalten Krieges war der Feind „der Russe“, jetzt ist es „der Moslem“ oder „die Person aus dem Nahen Osten“.

Warum hast du dich in diesem Zusammenhang für den Spiegel als Fläche oder Medium für das Gedicht – und damit für den Aktivierungscode – entschieden? 

Ein Spiegel hat grundsätzlich immer eine gewisse Irrealität in sich. Auch in Horrorfilmen kommt das Böse oft aus dem Spiegel. Die Idee, dass hinter einem Spiegelbild mehr steckt, hat eine lange Tradition. Der Spiegel zeigt eine Realität, die es so nicht gibt. Es wird ein scheinbar dreidimensionales Bild erschaffen, das aber in Wirklichkeit zweidimensional ist.

In der Ausstellung hingegen funktioniert der Spiegel sehr gut als Vermittlungsobjekt. Das Glas des Spiegels ist grau gefärbt und wirkt dadurch eher düster, was einfach zu der Arbeit passt.

Exhibition View Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016 Galerie Christine König, Vienna © Ralf Kliem

Exhibition View
Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016
Galerie Christine König, Vienna
© Ralf Kliem

Im Rahmen des BC21 Boston Consulting & Belvedere Contemporary Art Awards hast du als Nominierter – im Rahmen der Gruppenausstellung im 21er Haus – auch unter anderem mit Spiegeln gearbeitet. Wie kam es dazu, dass du selber Spiegel herstellst? Gab es einen Ursprungsmoment? 

Tatsächlich begann ich aus einem Verfügbarkeitsproblem heraus mit Spiegeln zu arbeiten. Ich war als Artist in Residence in der Slowakei und war für eine Arbeit auf der Suche nach alten Spiegeln. Allerdings bin ich nicht fündig geworden und daher habe ich die Spiegel selber hergestellt.

Für die Herstellung der Spiegel verwende ich ein Rezept aus dem späten 19. Jahrhundert. Heute werden die Spiegel so nicht mehr hergestellt: Meine Spiegel sind aus Silber. Durch die Vermischung bestimmter Chemikalien entsteht eine hochspiegelnde Fläche, die nun den Hintergrund des Gedichts bildet.

Die Spiegel sind dabei paradigmatisch für die Herstellung deiner Arbeiten: Sämtliche Tätigkeiten führst du selber aus, statt diese teils komplizierten Tätigkeiten an Profi’s auszulagern. Wie bist du bei dem Gedicht auf dem Spiegel vorgegangen? 

Das Gedicht wollte ich in den Spiegel ätzen, doch mit Flusssäure zu arbeiten ist zu gefährlich. Die amerikanische Königin des Homedekors – Martha Stewart – bietet eine ätzende Creme zum Basteln an. Und mit der habe ich das Gedicht eingeätzt. Natürlich hätte ich auch einen professionellen Glaser beauftragen können, aber mir ist sehr wichtig, dass ich selber in den Prozess involviert bin. Ein Prozess, der immer wieder ein gewisser Kampf gegen mich selbst und mit dem Objekt ist.

Inwieweit ist es ein Kampf gegen dich selbst? 

Fotografische Laborprozesse, die immer wieder wesentlicher Teil meiner Arbeit sind, beruhen auf Präzision. Das wiederum passt eigentlich gar nicht zu meiner Persönlichkeit. Darin besteht der fortwährende Kampf gegen mich selbst und umso komplexer es wird, umso härter wird auch dieser Kampf. Wie bei dem Tresor, der im ersten Raum der Ausstellung platziert ist: Das Abflexen der Oberfläche war ein tagelanger Kampf.

Ich verfolge einen klassischen Kunstbegriff: Ich mache alles selber. Dabei bin ich minimalistisch und aufgeräumt. Das Handwerk spielt eine große Rolle – auch wenn ich kein guter Handwerker bin. Man muss einfach was können und das muss dann auch gut aussehen.

Du hast die Rolle des inaktiven Schläfers in der Natur gesucht, die die besten Beispiele für perfekte Tarnungen liefert. Und bist fündig geworden…

Der Kuckuck ist ein faszinierender Vogel und gehört zu den Brutparasiten. Er brütet seine Eier nicht aus, sondern legt sie in fremde Nester. Dabei kann dieser Vogel bis zu neun verschiedene Wirtseier imitieren. Es gibt also diesen Moment der Mimikry – er mimt etwas nach, was er nicht ist. Wenn die Vögel dann schlüpfen, werden die anderen getötet. Der Kuckuck ist also wirklich ein bad motherfucker. Diese Idee gefiel mir. Auch das Ei hat etwas Unheimliches: In der geschlossenen Form ist etwas, das uns verborgen bleibt. In diesem Fall schlüpft der Teufel aus dem Ei.

Heutzutage stehen Kuckuckseier unter Naturschutz, deshalb ging ich ins Naturhistorische Museum, um mir diese Eier aus dem 19. Jahrhundert anzusehen und sie dort zu fotografieren. Wenn man die Eier getrennt voneinander betrachtet erinnert mich das immer ein bisschen an kleine Planeten, von denen man nicht weiß, was dort passiert. Generell beziehe ich mich oft auf die Zeit von 1870-1920, weil dort für mich die Moderne ihren Ursprung hat. Diese Jahre prägen unsere Zeit immer noch sehr.

Exhibition View Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016 Galerie Christine König, Vienna © Ralf Kliem

Exhibition View
Andreas Duscha, Winning hearts and minds, 2016
Galerie Christine König, Vienna
© Ralf Kliem

Diesen Überraschungsmoment hast du mit dem Tresor wieder aufgegriffen…

Ich bin kein Bildhauer, aber ich experimentiere mit Objekten, die inhaltlich stark aufgeladen sind. Der Tresor ist da als abgeschlossenes System, von dessen Inhalt man nichts weiß, natürlich perfekt geeignet. Die Aufgabe eines Tresors ist es zu verhindern, dass die Leute erfahren, was drin ist. Sozusagen ein Ei mit ganz harter Schale. Erst, wenn man einen Schlüssel hat, weiß man, was sich im Inneren befindet. Mit dem Tresor in der Ausstellung habe ich es jedoch auf die Spitze getrieben: In dem Moment, in dem der Tresor geöffnet wird, wird der Inhalt zerstört. Der Besitz des Schlüssels allein reicht also nicht aus.

Der Tresor ist von außen verspiegelt und innen fotosensitiv. Jedes Mal, wenn die Klappe vor dem Schlüsselloch bewegt wird, fällt Licht herein und hinterlässt Spuren auf dem Fotopapier. Nimmt man den Inhalt heraus, zerstört das Licht wiederum diese Spuren und alles ist schwarz. Außer man transportiert den schweren Tresor extra dafür in eine Dunkelkammer.

Immer wieder verweist du auf die Ästhetik deiner Arbeiten, die für dich eine wesentliche Rolle während der Produktion einnimmt. Gibt es konkrete ästhetische Kriterien, die du für deine Arbeiten formulierst? 

Das kommt immer auf die Arbeit an. Der Inhalt der Arbeit dominiert die Form. Form follows function. Am Anfang steht die Idee und erst darauf folgt die Umsetzung, die sich oft erst über den Inhalt ergibt. Durch die Ästhetik will ich die Idee noch weiter verschärfen. Wie der Maler seine Farbpalette hat, habe ich die Palette der Inhalte. Für mich gehört das Zitat zur ästhetischen Gestaltung.

Andreas Duscha Courtesy: the Artist

Andreas Duscha
Courtesy: the Artist

Was ist für dich ästhetisch? 

Das kann ich schwer sagen. Es gibt Sachen, die sprechen mich sofort an. Das ist so und das hinterfrage ich auch nicht. Auch die Idee eines Tresors als reales Objekt hat sich gleich so ergeben. Ich hätte ja auch einfach Tresore fotografieren können. Aber ich wusste gleich, dass es das Objekt sein muss. Für mich braucht es Wirkung, ohne dass es dabei unglaublich perfekt sein muss.

Vielen Dank! 

Interview von Sabrina Möller

 

ANDREAS DUSCHA

Winning hearts and minds

Ausstellung: 15. Januar – 05. März 2016
Christine König Galerie • Schleifmühlgasse 1A • 1040 Wien • Austria
www.christinekoeniggalerie.com