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Gekaufte Demonstranten, eine geköpfte Leninskulptur und Katzenfotos – das Werk von Anna Jermolaewa ist inhaltlich stark von sozialen Strukturen wie auch politischen Themen geprägt. Im Interview berichtet Jermolaewa von ihrem Beitrag zur 6. Moskau Biennale für zeitgenössische Kunst, spricht über die aktuelle Situation in Russland sowie über ihre neueste Ausstellung in der Wiener Galerie Kerstin Engholm.

 

Exhibition ANNA JERMOLAEWA at Kerstin Engholm Gallery, 2016, Vienna Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie Fotograf: Stefan Lux

Exhibition ANNA JERMOLAEWA at Kerstin Engholm Gallery, 2016, Vienna
Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie
Fotograf: Stefan Lux

Mit 18 Jahren sind Sie aus der Sowjetunion nach Polen und von dort weiter nach Österreich geflohen, wo Sie im Flüchtlingscamp in Traiskirchen untergebracht waren. Anlässlich der aktuellen Ereignisse nehme ich an, dass Sie sich selber immer wieder mit Ihrer eigenen Geschichte und Erinnerungen konfrontiert sehen – und enorm mitfühlen. Wie gehen Sie mit dieser aktuellen Situation um bzw. inwieweit spiegelt sich das in Ihrem Alltag oder in Ihrer Arbeit wieder? 

Die aktuelle Situation spiegelt sich nicht direkt in meiner Arbeit wieder. Ich beschäftige mich aber verstärkt damit, weil es mich berührt. Meine eigenen Erinnerungen kommen wieder auf und ich werde zudem vermehrt darauf angesprochen. Mich interessiert natürlich sehr, wie verschiedene Länder mit dieser Situation umgehen – auch der Zaun in der Steiermark beschäftigt mich.

In Norwegen habe ich eine Arbeit zu diesem Thema gemacht: Dort gibt es eine kurze Grenze zu Russland mit nur einem Grenzübergang. Auf der norwegischen Seite standen Container voller Fahrräder – und das hat mein Interesse geweckt. Flüchtlinge fliegen nach Russland, um dann von Murmansk aus mit dem Fahrrad über die Grenze zu fahren. An diesem Grenzübergang gibt es nämlich ein Abkommen: Man darf die Grenze nur auf Rädern überqueren. Zu Fuß oder mit dem Auto ist das für die Flüchtlinge allerdings aufgrund der Gesetzeslage nicht möglich, deshalb fahren sie mit einem Fahrrad die 120m über die Grenze. Diese ganzen großen und kleinen Fahrräder, die an der Grenze stehen, haben mich sehr berührt. Zum Teil sind die Fahrräder noch nicht mal ganz ausgepackt, weil sie nur einmal benutzt werden. Die Arbeit ist noch nicht fertig, ich entwickle sie gerade.

Alltag, Ihre eigene Geschichte und die Geschichte allgemein sind prägend für Ihre Arbeiten. Wenn Sie in Ihren Arbeiten auf Ihre eigene Geschichte eingehen, sehen Sie das vielmehr als eine Form der Verarbeitung von Ereignissen oder aus welchem Bestreben heraus entstehen die Arbeiten? 

Private Geschichten generell und auch meine eigene repräsentieren für mich größere Zusammenhänge. Ich nutze diese Geschichten dann als Brücken und arbeite natürlich in diesem Zusammenhang auch mit meiner eigenen Geschichte. Das sind einfach die Themen, mit denen ich mich am besten auskenne.

Im Dezember 2011 sind Sie nach St. Petersburg geflogen, um an einer der größten Demonstrationen gegen Putin teilzunehmen, die in den vergangenen Jahren möglich war – und vielleicht auch die letzte in dieser Größenordnung bleiben wird, nachdem die Gesetze im Anschluss angepasst wurden. Interessant ist, dass kurz darauf Demonstrationen für Putin stattfanden, bei der die Demonstranten vermutlich oder offensichtlich gekauft wurden. Eine gängige Praxis, durch die viele Menschen in Russland ihr Geld aufzustocken versuchen – und eine Praxis, der Sie sich für Ihren 6. Biennale Moskau Beitrag angenommen haben. Sie haben für eine Demonstration Demonstranten eingekauft – für und gegen die Biennale und damit auch für und gegen zeitgenössische Kunst. Woher rührt in Russland die so große Kritik an zeitgenössischer Kunst? 

Vor allem die russische Kirche ist gegen Zeitgenössische Kunst: Die ist in Russland der Feind Nummer eins. Jeder freie Umgang mit Sexualität oder auch Glaube wird im Keim erstickt. Es ist gang und gäbe, dass Uniformierte Ausstellungen stürmen und Arbeiten zerstören – im Namen des Glaubens. Es ist wirklich eine schlimme Situation und ich empfinde die Kirche als gefährlich, und das auch weil sie von Putin instrumentalisiert wird. Die Kirche ist leider sehr korrupt und mit Putin wird es nun erst richtig problematisch.

Das Thema mit den gekauften Demonstranten wollte ich schon länger umsetzen. Die Energie der Menschen, die 2011 in St. Petersburg auf die Straße gegangen sind, ist schließlich wieder völlig erstickt worden. Denn damals, nachdem klar wurde, dass die Wahlen manipuliert worden sind, hatten die Menschen einfach genug. Anstatt diese Demonstrationen zu verbieten, hat die Regierung eine neue Strategie entwickelt: Plötzlich gab es auch Pro-Putin-Demonstrationen – an noch zentraleren Orten, mit noch mehr Menschen. Die Studenten mussten teilnehmen, damit sie nicht zwangs-exmatrikuliert werden. Ganze Busse aus Provinzen wurden in die Stadt gebracht und es wurden auch Demonstranten gekauft.

Wie haben die Demonstranten bei der 6. Biennale Moskau reagiert? Haben Sie Interesse am Inhalt der Demonstration gezeigt?

Meistens bekommen diese Berufsdemonstranten gar keine Informationen darüber, wofür oder wogegen sie demonstrieren – niemanden interessiert das! Sie wissen nur wann und wie lange sie wo sein müssen, und wie viel sie bezahlt bekommen.

Ich habe für die Biennale Moskau 120 Leute gekauft, und nur drei von ihnen haben sich im Vorfeld erkundigt, um was es überhaupt geht. Es war auch interessant zu beobachten, wie sich diese gekauften Demonstranten verhalten haben, während sie sich in einer Liste eintragen mussten. Einige haben die Führung übernommen, für Ordnung gesorgt und wenig später sind wir bereits in Zweierreihe zum Gelände der Biennale marschiert.

Mir ging es vor allem um diese politischen Körper, die sich verkaufen. Im Vorfeld habe ich mit Kollegen Slogans vorbereitet: für und gegen Zeitgenössische Kunst. Die Demonstranten durften frei auswählen, welchen Slogan sie verwenden möchten. Vier Stunden lang dauerte die Demonstration. Drinnen und draußen. Um 19 Uhr haben sich dann alle wieder in eine Reihe gestellt, und ich habe sie ausbezahlt: Für jeden 500 Rubel, das sind weniger als 8 Euro. Normalerweise wird die Bezahlung versteckt, abseits der Öffentlichkeit, durchgeführt. Ich hingegen habe diesen Vorgang gefilmt.

Auch wenn es mir zunächst nicht bewusst war: Es waren hauptsächlich ältere Frauen, die einfach nicht von ihrer Pension leben können und dazu gezwungen sind, solche Jobs anzunehmen.

Wie sind die Demonstranten damit umgegangen, auch Teil von zeitgenössischer Kunst statt „nur“ Teil einer Demonstration zu sein? 

Es war sehr interessant, wie sie sich einige mit den Slogans auseinandergesetzt haben. Eine Frau hat einen Mann gebeten ihr das Wort „Biennale“ auf ihrem Plakat zu erklären. Er erklärte ihr, dass die Biennale eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst ist, die alle zwei Jahre stattfindet. Daraufhin hat sie sich gefreut, weil sie in ihren Augen etwas Gutes erwischt hatte. Künstlerkollegen, die im Raum waren haben mir erzählt, dass manche Demonstranten auch sehr interessiert über das Gelände gingen. Sie dachten aber alle, dass es sich tatsächlich um eine Demonstration handelt. Sie sind auch sehr darin geschult, was man zu den Medien sagen soll. Dann haben sie immer behauptet, dass sie nicht gekauft wurden und Aktivisten sind, die ihre Plakate selbst gemacht haben. Beim Auszahlen des Geldes haben sich viele gleich nach den nächsten Terminen erkundigt.

Anna Jermolaewa Untitled, 2013/14, C- Print, Pass Partout, 65 x 100 cm framed, Edition: 5 + 2 e.a. Courtesy: Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie

Anna Jermolaewa
Untitled, 2013/14, C- Print, Pass Partout, 65 x 100 cm framed, Edition: 5 + 2 e.a.
Courtesy: Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie

Neben politischen Themen Ihres Heimatlandes und Ihrer eigenen Geschichte steht die Beziehung zwischen Mensch und Tier immer wieder im Zentrum Ihrer Arbeiten. Während die Arbeiten zunächst von Hierarchien befreit erscheinen, gibt es doch komplexe Themen, die über die scheinbare reine Ästhetik hinaus wirken. Warum war es Ihnen ein Anliegen, diese Beziehung zwischen Mensch und Tier zu thematisieren? Gibt es ein übergeordnetes Ziel, eine Message, die verbreitet werden soll?

Ich liebe Tiere und wollte als kleines Kind auch Tierärztin werden. Mein Leben lang habe ich ein enges Verhältnis zu Tieren gehabt. Als ich damals mit meiner Familie in einem Plattenbau in Leningrad lebte, habe ich immer obdachlose Hunde gefüttert. Für mich sind Tiere einfach Bestandteil meines Lebens. Tiere sind in meinen Arbeiten dann oft eine Metapher.

Katzenfotos gehören zu den meistgesuchten und beliebtesten Bildern im Internet. In Ihrer Arbeit Hermitage Cats zeigen Sie Porträts von 40 Katzen, die wie die „Tables of honor“ in der Sowjetunion präsentiert werden. Während die Porträts im Kontext des Internets primär mit einer Vorliebe und Ästhetik für die Tiere einhergehen, ist der Hintergrund Ihrer Arbeit ein sehr komplexer. Seit 250 Jahren arbeiten Katzen in der Hermitage Ihrer Heimat. Sie sind angestellt, um die Mäuse und Ratten zu jagen. Aus der Perspektive der Katzen sicher ein verlockender Job. Eine Art Kooperation. Doch nur solange der Mensch es zulässt – wie die Situation im 2. Weltkrieg beweist, als alle Katzen während einer Belagerung und der damit einhergehenden Hungersnot gegessen wurden. Man könnte sagen, dass die Katzen damit zu den Rettern, zu Volkshelden wurden. Geht es Ihnen in den Arbeiten, die die Geschichte zwischen Mensch und Tiere reflektieren, konkret darum, Kritik am Umgang mit Tieren zu äußern? 

Meine Katzenarbeit ist durchaus politisch zu verstehen. Diese 40 Katzenporträts können sehr kitschig sein und an einen Katzenkalender erinnern. Das wollte ich bewusst so präsentieren. Durch die kitschige Oberfläche gewinne ich Aufmerksamkeit und lenke dann auf ernstere Themen über.

In einer Ihrer neuesten Arbeiten „About Goats and Women in Oil Production“ geht es auch darum, wie Tiere zunehmend Produkte für den Menschen produzieren oder produzierten – bis dem Mensch das Ergebnis nicht mehr ausgereicht hat. Wie kam es zu der Auseinandersetzung mit der Thematik?

Ich zeige gerne größere Zusammenhänge auf, wie auch in der Arbeit mit den Ziegen in Marokko. Dort war ich zweimal und habe mir vor Ort die Produktion angesehen. Es geht um ein sehr komplexes Thema: Die Bauern schicken ihre Ziegen seit Jahrhunderten zu Arganbäumen, um die Nüsse zu fressen und die Schale somit weicher für die Verarbeitung zu machen.

Doch dann kamen die Konzerne, die die Ziegen aufgrund des strengen Geruches des Endproduktes nicht mehr in der Produktion haben wollten. Nur kleine Bauern, die für sich produzieren, setzen die Ziegen noch ein. In Marokko kam es schließlich zu einer staatlich geförderten Fraueninitiative, die in der Argan-Produktion Arbeit gefunden haben. Diese Frauen sind sehr selbstbewusst und stolz auf ihr Produkt.

Wie betrachten Sie das Verhältnis zwischen Tier und Mensch heute? 

Das ist von Kultur zu Kultur so unterschiedlich. Meine Arbeiten mit den Ziegen wie auch mit den Katzen interessieren mich sehr, weil sie das Miteinander von Mensch und Tier gut darstellen. Das ist für mich ein ideales Abkommen.

Exhibition ANNA JERMOLAEWA at Kerstin Engholm Gallery, 2016, Vienna Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie Fotograf: Stefan Lux

Exhibition ANNA JERMOLAEWA at Kerstin Engholm Gallery, 2016, Vienna
Courtesy: the artist and Kerstin Engholm Galerie
Fotograf: Stefan Lux

Wie gehen Sie bei Ihren Arbeiten vor? Steht das Thema am Beginn, oder ergeben sich diese Thematiken und Arbeiten auch häufig spontan?

Sowohl als auch. Manche Sachen, wie die Ziegen, entdecke ich auf Reisen. Bei den Katzen kannte ich die Geschichten aber schon länger.

Worum geht es in Ihrer neuen Ausstellung in der Galerie Kerstin Engholm? 

Es gibt eine klare Linie. Unter anderem zeige ich den Bildersturz in der Ukraine, den ich diesen Sommer beobachtet habe. Im Zuge dieser Dekommunisierung  wurde ganz viel Bildrhetorik aus der kommunistischen Zeit aus dem öffentlichen Raum entfernt. Zusätzlich zeige ich noch eine Arbeit, die ich seit 1996 mache – eigentlich mein Lebenswerk. Alle fünf Jahre fahre ich zu dem gleichen Ort: Ich filme immer dieselbe U-Bahnstation in St. Petersburg – dort, wo ich aufgewachsen bin. Mit einer versteckten Kamera fahre ich die Treppe rauf und runter und filme jeweils die gegenüberliegende Rolltreppe. Das ist mein persönlicher Fünfjahresplan.

Vielen Dank! 

Sabrina Möller

 

ANNA JERMOLAEWA 

Exhibition: 15/01/2016 – 05/03/2016
Kerstin Engholm Gallery • Schleifmühlgasse 3 • 1040 Vienna • Austria
www.kerstinengholm.com