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Es ist doch so: Der Blick zurück ist weder einfach noch absolut schmeichelnd. Zu sehen, was war, kann durchaus ernüchtern, Illusionen rauben oder aber: weh tun.  Für den ungetrübten Blick braucht es also eine große Portion Mut, aber auch die nötige Distanz. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Konzeptkünstler Christian Jankowski Nina Hoss zurückblicken ließ.

 

"Christian Jankowski. Retrospektive" Exhibition View, 2016, CFA Berlin Foto: Jens Ziehe Courtesy: CFA Berlin

„Christian Jankowski. Retrospektive“
Exhibition View, 2016, CFA Berlin
Foto: Jens Ziehe
Courtesy: CFA Berlin

Nina Hoss, das ist die bekannte, deutsche Schauspielerin, die normalerweise in Inszenierungen der Berliner Schaubühne, in Christian Petzolds Filmen oder als deutsche Diplomatin in der US-Serie „Homeland“ zu sehen – mit der Bildenden Kunst allerdings nicht wirklich vertraut – ist. Ihre Aufgabe in den letzten Wochen war aber genau da: Kuratorin der „Retrospektive“ von Christian Jankowski, diesem deutschen Künstler, der von der Presse oftmals als „Till Eulenspiegel“ der Kunst bezeichnet wird. Deswegen, weil er gut und gerne mal den Kunstbetrieb zum Narren hält, indem er das, was ist, aus den Angeln enthebt, kreuz und quer umherwirbelt und merkwürdig neu zusammenmodelliert. Klar, dass Jankowski auch beim Rückblick seinem Ruf gerecht wird und mit Kuratorin Nina Hoss einen klugen Streich spielt.

Die Räume der renommierten Berliner Galerie Contemporay Fine Arts hat Kuratorin Hoss bis auf den letzten Winkel mit Jankowskis Werken bestückt. Es gibt einen Kinosaal, der zehn Stunden Filmmaterial zeigt. Hula-Hoop-Reifen stehen an der Wand. „Für diejenigen, die zwischendurch Gymnastik machen wollen“, sagt Jankowski. Im größten der drei Räume reiht sich Videoarbeit an Skulptur an Installation. Links ein Bauzaun, der die Sicht auf manche Videos versperrt, vorne eine Küchenzeile, eine, die in dieser Form womöglich in vielen Wohngemeinschaften stehen könnte. Der 48-jährige Künstler beschäftigt sich nicht nur mit dem Kunstbetrieb, ihn interessiert die Realität, das Alltägliche, auf das nur noch mit zugekniffenen Augen betrübt geblickt wird. Also bricht er aus beinahe fröhlichem Trotz die Realität, schießt sich in einem Supermarkt, wie in seinem wohl bekanntesten Werk „Die Jagd“, mit Pfeil und Bogen tiefgefrorene Hähnchen, Äpfel und Brot zusammen – und geht dann an die Kasse, um kommentarlos zu zahlen. Oder – wie in seiner frühesten und mitunter stärksten Videoarbeit – schleift zum Einstand an der Hamburger Kunsthochschule den Boden des Seminarraums ab, mit den geliehenen Geräten eines Hamburger Parkettschleifers, der im Gegenzug den bei der Aktion entstandenen Film als Imagefilm für sein Geschäft erhielt.

"Christian Jankowski. Retrospektive" Exhibition View, 2016, CFA Berlin Foto: Jens Ziehe Courtesy: CFA Berlin

„Christian Jankowski. Retrospektive“
Exhibition View, 2016, CFA Berlin
Foto: Jens Ziehe
Courtesy: CFA Berlin

"Christian Jankowski. Retrospektive" Exhibition View, 2016, CFA Berlin Foto: Jens Ziehe Courtesy: CFA Berlin

„Christian Jankowski. Retrospektive“
Exhibition View, 2016, CFA Berlin
Foto: Jens Ziehe
Courtesy: CFA Berlin

Jankowskis Kunst, und das zeigt seine Retrospektive, ist nicht schelmisch oder verkrampft gewitzt. Sie ist tatsächlich komisch. Im besten Sinne. Jankowski inszeniert alles, Profanes und Erhabenes, und auch Nina Hoss wird Teil der Inszenierung. „Eine Retrospektive bekommt etwas Leichtes, wenn da jemand dabei ist, der Frische mitbringt und nicht derart im Galeriekosmos verankert ist“, meint Jankowski. Und das spürt man in den Räumen auch: Hoss’ Blick auf das Werk ist ungetrübt und klar. Sie wählte die Arbeiten aus sicherer bisweilen notwendiger Distanz heraus aus. Die meisten davon sind gut, weil sie alles andere als eindeutig polemisch, sondern wirklich vielschichtig sind. Und genau das ist es eben, was gute Kunst ausmacht.

Stefanie Schneider

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CHRISTIAN JANKOWSKI. RETROSPEKTIVE

kuratiert von Nina Hoss

Ausstellung: 15/01 – 05/03/2016
Contemporary Fine Arts • Am Kupfergraben 10 • 10117 Berlin
www.cfa-berlin.com