Thomas Canto in his studio
Courtesy The Artist

Die Arbeiten des französischen Künstlers Thomas Canto konzentrieren sich verstärkt auf die Spannungen zwischen Kunst und Architektur. Inspiriert durch seine persönlichen Erinnerungen und Impressionen urbaner architektonischer Strukturen, schafft Canto pittoreske Repräsentationen, welche besondere Aufmerksamkeit auf geometrische Präzision legen. Aufgrund seiner internationalen Arbeitsweise, schafft es Cantos Werk die Quintessenz der modernsten und futuristischen urbanen Lebensräume unserer Zeit zu vereinen. Abby McKenzie traf Thomas Canto, um mit ihm über die Hintergründe seiner Faszination für industrielle Architektur zu sprechen.

 

Thomas Canto Les Bains Courtesy: Magda Danysz Gallery © Stephane Bisseuil

Thomas Canto
Les Bains
Courtesy: Magda Danysz Gallery
© Stephane Bisseuil

Aus welchem Grund arbeitest du mit Städten und was genau inspiriert dich an ihnen? 

Ich habe bereits als Kind in verschiedenen Ländern gelebt und bin oft in moderne Städte wie New York, Dubai oder Hong Kong gereist. Wenn ich dann wieder zurück nach Frankreich komme, hilft mir das Leben auf dem Land die moderne Architektur dieser Städte erneut zu begreifen. Jedoch könnte ich nicht behaupten, dass mir eine besondere Stadt Inspiration schenkt. Hong Kong zum Beispiel müsste mich durch seine spezifische Architektur stark beeinflussen, aber ich glaube eher, dass ein bisschen von all diesen urbanen Einflüssen die Grundlage für meine Kunst schafft. Meine Arbeiten setzen sich maßgeblich mit meinen gesammelten Eindrücken auseinander. Noch vor einigen Jahren reiste ich viel und schoss einfach Fotos wie jeder andere. Meine Bilder konzentrierten sich aber sehr stark auf architektonische Eindrücke – das hat mich fasziniert. Seit einigen Jahren versuche ich jedoch konsequent ausgehend von meinen Erinnerungen und Eindrücken zu arbeiten. Daher glaube ich, dass nicht unbedingt die Architektur dieser Städte der ausschlaggebende Punkt ist, sondern das Sammelsurium all dieser Eindrücke.

Würdest du sagen, dass du dich eher für die Geometrie und Balance oder das Chaos in diesen Städten interessierst? Deine Werke verinnerlichen ja beide Aspekte auf ihre eigene Art.

Da ich vom Graffiti komme und ich es immer als eine Form von Kalligraphie verstanden habe, war ich schon immer stark an der traditionellen japanischen und chinesischen kalligraphischen Doktrin interessiert, die ja grundsätzlich auf dem Prinzip des Gleichgewichts basiert. Daher habe ich stets versucht diese Form des Gleichgewichts in meine Arbeiten zu integrieren. Wenn ich diese Städte darstelle, wie zum Beispiel in der letzten Lithographie, erkennt man die direkte Verbindung zu Hong Kong in diesem Fall sehr direkt. Ich habe versucht, dem Betrachter dieses erdrückende Gefühl zu vermitteln, welches ich immer verspüre, sobald ich mich in Hong Kong aufhalte. Ich versuche zu erklären welchen Eindruck ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort hatte. Diese möchte ich anhand von Zeichnungen und Linien ausdrücken, ohne dass dabei die Tendenz des Gleichgewichts in meiner Arbeit gestört wird. Ich suche auch immer nach einem ästhetischen Effekt. Das ist für mich ein Weg um die Öffentlichkeit mit meiner Faszination für die Schönheit architektonischer Strukturen vertraut zu machen.

Thomas Canto in his studio Courtesy The Artist

Thomas Canto in his studio
Courtesy: The Artist

Bezogen auf deine Graffiti Arbeiten: Würdest du sagen du beschäftigst dich verstärkt mit den ästhetischen Qualitäten des Mediums oder auch mit seiner Philosophie und institutionellen Kritik?

Nicht unbedingt. Du hast meine Studioarbeiten gesehen, die sich jetzt in Plexiglas Boxen befinden. Diese Boxen helfen mir, meine Arbeiten in Galerien ausstellen zu können, da ich sie als Fenster verstehe. Eine ästhetische Parallele zwischen dem Fenster und dem Plexiglas – ein simultanes, künstliches Universum. Die Arbeiten wurden zwar nicht spezifisch für die Galerie angefertigt, aber sie funktionieren sehr gut mit meinen restlichen Arbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Installationen, die ich manchmal in Galerien ausstelle, einen direkten Bezug auf den Raum haben. Eher nicht.

Ich fand diesen Aspekt der Arbeit auch sehr spannend: Es scheint, als würden sich die Arbeiten innerhalb des Plexiglas vom Galerieraum distanzieren, während sie sich ihm anpassen. Außerdem ist mir aufgefallen, dass du dich, mit Ausnahme der blauen Lithografie, verstärkt auf eine monochrome Farbstruktur konzentrierst. Gibt es einen speziellen Grund dafür oder gefiel dir einfach der Kontrast?

Früher habe ich schon immer aus verschiedenen Gründen primär Schwarz und Weiß verwendet. Zum einen, weil meine Zeichnungen und Malereien relativ komplex konzipiert sind und zum anderen weil ich  will, dass die Leute sich mehr auf die Strukturen und den Aspekt des Gleichgewichts in den Werken konzentrieren können. Ich denke es ist einfacher etwas in Schwarz-Weiß zu betrachten, um die Elemente und verschiedenen Stufen der Arbeit erkennen zu können. Ein anderer Grund für die Farbauswahl kommt vom Ursprung meiner Werke: den Städten. Städte sind zum Großteil einfach Schwarz, Weiß, Grau, mit ein paar Lichtreflexionen vom Himmel dazwischen. Daher macht es für mich Sinn, dieses industrielle Farbspektrum zu nutzen. Seit ich jedoch vermehrt von meinen Erinnerungen ausgehend arbeite, fällt es mir viel leichter Farben zu integrieren. Rot oder Orange erinnerten mich zum Beispiel an einen Sonnenaufgang in Tokio. Die Lithografie “Still Life of Spacetime” konzentriert sich hingegen speziell auf Hong Kong, weil ich in den letzten Jahren immer öfter dort gewesen bin. Ich habe mich an einem gewissen Zeitpunkt dazu entschlossen, an einem blauen Thema zu arbeiten. Hong Kong ist ja eine Insel, gefüllt mit diesen intensiven Gebäuden und komplett umgeben von Wasser. Blau schien mir eine gute Farbe, um diese Impression zu beschreiben.

Würdest du sagen, dass es bestimmte Künstler gibt mit denen du dich besonders identifizieren kannst?

Als Autodidakt war ich immer davon geprägt andere Künstler zu treffen und mit ihnen Arbeiten zu realisieren. Daher ist es für mich schwer eine spezifische Person als Einfluss zu nennen. Es gibt viele Künstler – verschiedener Genres – deren Arbeit mich stark beeindruckt und zu denen ich mich verbunden fühle. Besonders die Kunst von Soulages ist ein gutes Beispiel dafür, aufgrund seiner einzigartigen Weise Licht und minimalistische Ästhetik zu verbinden. Oder auch Sotos Skulpturen würde ich hier mit einbeziehen.

Thomas Canto Installation, Celestial time blast, 2015 Courtesy: The Artist

Thomas Canto
Installation, Celestial time blast, 2015
Courtesy: The Artist

An was arbeitest du im Moment? Versuchst du spezifische Richtungen zu entwickeln oder siehst du vielleicht Veränderungen in deiner Schaffensweise?

Da ich mich selbst als Autodidakt sehe, würde ich nicht sagen, dass ich versuche solche Richtungen zu erzwingen, aber ich konzentriere mich darauf meine Arbeiten nicht statisch werden zu lassen. Ich meine zum Beispiel die Installationen, die ich in den letzten beiden Jahren angefertigt habe, wurden immer fortlaufend mit neuen Elementen ergänzt. Zuerst konzentrierte ich mich auf Volumen, dann auf verschiedene Formen von Licht und schlussendlich auf Videomapping. Die Arbeit, welche das Videomapping integriert, habe ich in meiner letzten Einzelaustellung in der Wunderkammer Galerie gezeigt.

Es ist interessant, dass deine Arbeiten oft zwischen architektonischen Ideen in Form von 2D Formaten bis hin zu tatsächlicher Architektur zirkulieren.

Ich mag die Idee des Zyklischen in meinen Arbeiten. Wenn ich heute zurückblicke auf das, was ich vor den dreidimensionalen Arbeiten getan habe, scheint mir das fast paradox. Wenn man sich mit Architektur beschäftigen will, muss man in 3D arbeiten. Das ist mir heute klar. Die Idee meiner Kunst ist es, den Leuten ein Gefühl zu vermitteln, das meine Eindrücke und Erfahrungen mit den architektonischen Elementen beschreibt. Ich glaube, es gibt eine Art Richtlinie der ich folge, jedoch versuche ich einen exponentiellen Weg einzuschlagen. Mein Bestreben ist es, immer weiter die bedeutenden Aspekte von Städten konsequent in meine Arbeit zu integrieren.

Vielen Dank! 

Abby McKenzie

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THOMAS CANTO

www.thomascanto.com