Pius Fox
Raumerinnerung, 2014
watercolor and pencil on paper, 27,3 x 19,6 cm
Courtesy: The Artist

 

 

„Abstrakte Malerei verlangt mehr von ihrem Betrachter, weil sie ihre eigene Sprache spricht“, schrieb Travis Jeppesen. Abstrakt sind auch die Malereien des Berliner Künstlers Pius Fox, der derzeit mit einem Solo-Stand auf der VOLTA in New York vertreten ist. Seine Werke sind geprägt von sanften Farbflächen und -schichten, wie auch von geometrischen Formen. Im Interview mit Sabrina Möller spricht Fox über seine Malerei, seinen Respekt vor großen Formaten, sowie über die Kategorie des Zombie-Formalismus.

 

Pius Fox Raumerinnerung, 2014 watercolor and pencil on paper, 27,3 x 19,6 cm Courtesy: The Artist

Pius Fox
Raumerinnerung, 2014
watercolor and pencil on paper, 27,3 x 19,6 cm
Courtesy: The Artist

Wie bist du zur Malerei gekommen? 

Zu Schulzeiten habe ich mich vermehrt mit Musik beschäftigt. Erst später habe ich eine Kunstschule besucht, wo ich mich frei gefühlt habe, mich frei ausdrücken konnte und neue Sachen ausprobiert habe. Meine Eltern kamen aus der DDR und irgendwann gab es einen Künstlerkreis in Westberlin, zu dem mich meine Mutter mitgenommen hat und wo ich auch gemalt habe. Diese Maler bzw. dieser Kreis haben mich natürlich geprägt. All diese Verhältnisse öffneten mir den Weg zur Malerei und zur Kunst im Allgemeinen. Meine ersten Kunstbücher, die ich mir mit 10 oder 11 Jahren aus der Bibliothek ausgeliehen habe, waren Monet und van Gogh. Sie haben mich aufgrund ihrer Farbgebung fasziniert. Zum ernsthafteren Malen selbst bin ich jedoch erst mit 17 gekommen.

In deinen Werken lässt sich die Tendenz einer zunehmenden Abstraktion erkennen. Waren zuvor noch figurative Elemente sichtbar, sind deine neuesten Arbeiten von einem rein geometrischen Formenvokabular und Farbschichten geprägt. 

Ich glaube, dass ich in den letzten zwei Jahren entschiedener abstrakte Bilder gemacht habe und auch abstrakter gedacht habe als vorher. Meine abstrakten Arbeiten sind früher eher aus dem Scheitern an der Figuration heraus entstanden. Ich arbeite mich aber heute immer noch an der Figuration ab,- eine Reihe von Porträts stehen zum Beispiel schon eine Weile im Atelier, aber ich bin noch nicht an dem Punkt, dass sie mich überzeugen. Ich würde manchmal gerne eine konkretere Sprache nutzen, also figurativ oder gegenständlich arbeiten. Aber es ist eben unglaublich schwer mehr zu transportieren als das Sichtbare. Das dauert sehr lange. Es gibt viel graue, malerisch leblose, dafür figurative Malerei. Solche Zeichnungen hinzubekommen wie Hans Holbein sie z.B. gemacht hat, ist eben eine große Kunst.

Aus deinen früheren Arbeiten geht sichtbar hervor, dass du dich von der umgebenden Architektur beeinflussen lässt. Inwieweit ist die Umgebung auch deinen neuesten Arbeiten noch eingeschrieben? 

Ich orientiere mich sehr an meiner Umgebung – etwa an meinem Atelier. Im vergangenen Jahr habe ich mich viel mit Fotografie auseinandergesetzt und z.B. meine eigenen Fotos überarbeitet. Die Fotografie betrachte ich als eine Möglichkeit, anders mit dem Sichtbaren umzugehen und es festzuhalten. So wie es im Ablauf auch die Rolle der Fotografie war oder ist: das Abbildhafte der Malerei zu übernehmen.

Du arbeitest mit einer Vielzahl von Farbschichten – und es sind relativ grobe Farbaufträge. Wie vollzieht sich der Prozess vom Motiv hin zum fertigen Bild? Steht am Beginn eine konkrete Idee oder entwickelt sich das Werk vielmehr erst auf der Leinwand bzw. auf dem Papier? 

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Arbeiten, bei denen man nicht vor Augen hat, was man machen wird. Bei anderen Arbeiten ist der Wunsch und die Zielstrecke identisch. Der Prozess des Scheiterns spielt dabei eine essentielle Rolle.

Sind die Farbschichten und Überlagerungen Ergebnis des sich wiederholenden Scheiterns im Arbeitsprozess? 

Das lässt sich nicht vereinheitlichen – bei jeder Arbeit ist es anders. Doch sobald ich mit größeren Formaten arbeite, bin ich gezwungen, mich stärker mit dem Prozess und der Maltechnik auseinanderzusetzen. Ich frage mich wirklich, wie alte Meister ihre Werke gemalt haben bzw. diese Bilder konzipiert haben. Sie sind unglaublich kontrolliert aber dennoch lebendig,- man könnte sagen wie in einer guten Performance. Der Bildaufbau ist große Kunst und prägt damit auch den Arbeitsprozess. Die größeren Formate haben mich dazu gezwungen, stärker über den Bildaufbau nachzudenken. Wie kann man Farben lebendig machen? Wie ist der Farbzusammenhang?

Pius Fox Im Traum, 2016 Oil von Canvas, 24 x 17 cm Courtesy: The Artist

Pius Fox
Im Traum, 2016
Oil von Canvas, 24 x 17 cm
Courtesy: The Artist

Pius Fox Zirkusnacht, 2016 Oil on Canvas, 56 x 42 cm Courtesy: The Artist

Pius Fox
Zirkusnacht, 2016
Oil on Canvas, 56 x 42 cm
Courtesy: The Artist

Untypisch ist, dass du auch mit Öl auf Papier malst. Die materielle Struktur des Papiers stellt natürlich eine gewisse Herausforderungen dar. Was macht die Arbeit mit Öl auf Papier für dich spannend? 

Die Entscheidung für das Papier war mitunter auch eine Frage des Formates und der Direktheit. Sowohl Papier als auch Leinwand haben ihre Vor- und Nachteile. Die Tendenz, dass ich nun immer weniger mit Öl auf Papier arbeite, war auch eine Frage der Präsentation. Anfangs habe ich die Ölpapiere einfach direkt an die Wand geheftet, was durch die Flachheit noch mehr einen gewissen Fenstereffekt erzeugt hat und man die Oberfläche trotzdem direkt wahrnehmen konnte. Aus praktischen Gründen habe ich mich jedoch nun für Leinwand auf Holz entschieden, weil die Papiere stärker gelitten haben und weil ich den Malgrund unterschiedlich vorbereiten kann. Das Holz bietet aber genauso einen harten Untergrund wie die Unterlage für das Papier.

Deine Arbeiten weisen eine deutlich ästhetische Dimension auf. Welche Rolle spielt die Ästhetik in deinen Arbeiten?

Ästhetik spielt für mich eine große Rolle. In politisch brisanten Zeiten stelle ich mir natürlich stärker die Frage, welche Relevanz die ästhetische Erfahrung hat. Trotzdem ist es so, dass sie eine enorme Antriebskraft für mich ist. Kant hat dieses besondere Verhältnis von sich zur Welt und all die Aspekte, die ich mit der ästhetischen Erfahrung meine, wunderbar auf den Punkt gebracht.

Im Zusammenhang mit dem Thema Abstraktion und gefälliger Malerei fällt in der letzten Zeit immer wieder der Begriff des Zombie-Formalismus. Was hältst du davon, dass Kritiker abstrakte Maler schnell in diese Kategorie stecken?

Diese Kritik hat natürlich eine gewisse Berechtigung. Abstrakt arbeitende Künstler stellen sich ja selber diese Fragen permanent: „Geht es einfach nur um Ästhetik? Ist es mehr als das?“. Deshalb muss man an dieser Kritik ebenso kritisieren, dass keinerlei Alternativen formuliert werden. Wo grenzt sich die ästhetische von der nicht-ästhetischen Kunst ab? Was ist das Gegenteil?

Wenn man das Gegenmodel entwirft zu einer schönen, aber leeren Kunst und diese einer inhaltlich vollen Kunst gegenüberstellt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. In der Minimal Art gab es ähnliche Diskussionen. Die ganze Kunstgeschichte ist voll mit ästhetischer Kunst und der Vorwurf ist nicht neu, nicht unberechtigt, aber eben irrelevant sowohl für die künstlerische Praxis als auch das Ergebnis und seiner Beurteilung. Während der zweite Weltkrieg ausbrach und tobte, malten Matisse und Morandi unbeirrt ihre ‚Bilderchen‘ weiter. Und haben dafür auch Kritik geerntet. Berechtigt,- aber bringen einen diese Kategorien weiter? Es gibt eben eher den Künstlertypus, der Weltflucht in der Welt betreibt und den, der versucht etwas Konkretes zu bewegen. Für mich ist das Geistige in der Kunst natürlich wichtig. Doch genauso wichtig ist es, das Geistige aus der Kunst rauszuhalten. Nicht, weil ich das für richtig oder falsch halte, sondern weil es meiner Persönlichkeit entspricht. Sich über das Material auszudrücken, sich daran intellektuell und handwerklich abzuarbeiten. Die Kunst unter einen inhaltlichen Zwang zu stellen, ihr einen Sinn aufzudrängen beurteile ich als ebenso problematisch. Dieser Kunst kann man ebenso vorwerfen, das falsche Medium für inhaltliche oder politische Änderungen zu sein.

Gut ist also, dass die Kritik nicht einfach hinnehmen will, das Kunst nur schön sein soll und irgendwelchen Moden folgt. Was mich an der Kritik aber stört und wofür sie Ausdruck ist, ist die Spaltung von Inhalt und Form in zwei gegenüberliegende Lager.

Ist es für dich problematisch, wenn Kunst gut übers Sofa passt?

Im Gefüge des Kunstmarktes, dem Verkaufen, der Anerkennung und der Hierarchie von Künstlern stellt man sich natürlich immer wieder die Frage, worum es eigentlich geht. Möglicherweise erfreuen sich einige Menschen an der Kunst, kaufen sie und bauen im besten Falle eine intensive Beziehung zu dem Werk auf. Und manchmal teilt man vielleicht etwas, was man mit dem Werk vermitteln möchte. Das ist in Ordnung und Teil des künstlerischen Prozesses. Das ist aber das Ideal und es gibt genug andere Aspekte, die problematisch dabei sind.

Wenn du eine Arbeit auswählen müsstest, die dich in deiner bisherigen Entwicklung beeinflusst hat, welche Arbeit wäre das?

Mein erster Gedanke war “Konstantins Traum” von Piero della Francesca. Was mich daran fasziniert ist die Klarheit auf der einen Seite und die Stimmung und Poesie auf der anderen Seite. Der gewagte Flug des Engels, der Sturz ins Bild gewissermaßen, das Verträumte und die Ruhe der Wachmänner, die um den Schlaf stehen und ihn behüten, das Licht, all das ermöglicht die Weite des Traumes.

Vielen Dank!

// Sabrina Möller

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PABLO’S BIRTHDAY

Stand B9 auf der VOLTA NY

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