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Für den in Berlin und Wien lebenden Künstler Thomas Rhube sind seine seriell angelegten, abstrakten Textarbeiten – die dennoch als Unikat fungieren – charakteristisch. In dem folgenden Interview mit Sabrina Möller spricht Rhube über seine Arbeitsweise, seine Herausforderungen als Künstler und sein Interesse für Philosophie und Alchemy.

 

Thomas Rhube © Lukas Gansterer

Thomas Rhube
© Lukas Gansterer

Vor einigen Tagen hast du die Gruppenausstellung „Use your Illusion“ in der Galerie Clemens Gunzer in Kitzbühel eröffnet. Worum geht es in der Ausstellung?  

‚Use your Illusion‘ ist neben dem bekannten Album von Guns‘ N‘ Roses eine treffende Bezeichnung für die Metaebene von Kunstrezeption. Mich interessieren Bezüge, die sich als anders herausstellen, als man im ersten Moment vermutet. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf die Imaginationskraft, die bei der Bildbetrachtung eine wesentliche Rolle spielt. Eine Illusion ist ja eine Sinnestäuschung und irgendwo ist Kunst auch eine solche. Sie ist greifbar und flüchtig zugleich. Und jedes Mal wenn der Sinn erfaßt erscheint, ändert sich wieder etwas.

Inwieweit bettet sich deine Arbeit thematisch – im Sinne von Illusion – in diese Ausstellung ein?

In meiner Arbeit reflektiere ich die Frage, warum man Kunst produziert. Einzelne Wörter auf den Werken kommunizieren sehr direkt mit dem Betrachter. Der Komplexität von Kunst und damit ihrer Existenz begegne ich mit Reduktion. Wenn alles Unwichtige ausgeblendet wird, steht die Frage im Vordergrund was übrig bleibt. Die Realität ist sehr komplex, daher sind meine Arbeiten grundsätzlich sehr einfach strukturiert. Jeder Mensch bringt seine eigene Version der Realität mit, die durch die Textpaintings angesprochen wird. Die Illusion ist dabei ein Art Vehikel für Inhalte. Ich lese ,Use your Illusion‘ als eine Aufforderung zum Gedankenspiel.

Wie bist du zu den Schriftbildern gekommen? 

Die Textbilder sind Teil eines langen Entwicklungsprozesses. Ich arbeite schon lange im Bereich Grafik und Zeichnung und habe immer wieder Schrift verwendet um konkrete Bezüge herzustellen. Darüber hinaus interessiert mich die Kalligraphie. Die Schriftbilder sind aus dem kalligraphischen, zeichnerischen Kontext entstanden, in dem ein Wort ein Bild ist.

Formal benutzte ich standardisierte Parameter. Die Schrift die ich verwende ist eine Standardschrift, Helvetica, das Format ist an das din A4 angelehnt. Es gibt immer nur ein Wort pro Bild, das man auf verschiedene Weisen kombinieren kann. Teilweise entsteht pro Wort eine Serie, wodurch in dem jeweiligen Werk unterschiedliche Bezüge hergestellt werden können.

Thomas Rhube BUT-Painting #1, 2015 Indian Ink on Canvas, 180x120 cm © Thomas Rhube

Thomas Rhube
BUT-Painting #1, 2015
Indian Ink on Canvas, 180×120 cm
© Thomas Rhube

Exhibition View 'Use your Illusion' at Galerie Clemens Gunzer, Kitzbühel © Thomas Rhube

Exhibition View ‚Use your Illusion‘ at Galerie Clemens Gunzer, Kitzbühel
© Thomas Rhube

Gibt es konkrete Kriterien, nach denen du die Begriffe oder Wörter auswählst?

Teilweise manifestieren sich diese Wörter wie ein Mantra und sind dadurch sehr präsent. Manchmal auch nicht. Die Wörter wähle ich aufgrund des Bezuges zur Kunstproduktion aus oder weil sie Bilder hinterfragen. Am Beginn standen die ‚Yes‘- und ‚No‘ – Bilder die auf verschiedenen Fragestellungen basieren: Wie etwa, welche Prozesse notwendig sind, um Kunst zu produzieren. Prozesse die oft nur mit restriktiven Entscheidungen zu einem Ende und damit zu einem Anfang als Kunstwerk gebracht werden können. ‚but‘ zum Beispiel stellt das Ganze in Frage. Auch die optische Qualität ist ein Entscheidungskriterium: Wörter mit drei Buchstaben funktionieren formal sehr gut.

Deine Werke sind seriell angelegt. Dabei wird die Reihenfolge der Herstellung und damit auch das zeitliche Moment für den Betrachter deutlich sichtbar: Bei den Schriftbildern verschwinden einzelne Buchstaben von Werk zu Werk zunehmend. Worum geht es dir, wenn du einzelne Buchstaben immer weiter auslöscht? 

Ich bin daran interessiert, in der seriellen Idee ein Unikat herzustellen. Es geht weniger darum, eine individuelle Idee auf jedem neuen Bild zu verfolgen, vielmehr darum, eine individuelle Idee innerhalb einer Serie zu entwickeln. Die Grundform ist dabei über die formale Entwicklung gegeben: Das „Three Letter Word“ wird dreimal untereinander wiederholt. Die serielle Komponente besteht darin, dass ich die formle Komposition der Worte und Anzahl der Buchstaben wiederhole und durch den malerischen Prozess zu einem Unikat führe. Der handwerkliche Aspekt bei der Linienführung und beim Ausmalen ist jedesmal anders. Es entsteht eine ästhetische Spannung, genau genommen lösche ich die Buchstaben nicht aus, vielmehr male ich sie nicht zu Ende. Indem ich auf der Leinwand Linien ziehe entsteht etwas. Wann es dann fertig ist, entwickelt sich im Prozess und in weiterer Folge in der Betrachtung. Ob etwas fertig ist, wenn es gemeinhin als fertig betrachtet wird stelle ich in Frage.

Ist die Wiederholung ein Kerncharakteristikum deiner Arbeit?

Ja. Die Wiederholung ist ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeitsweise. Einerseits wird die Idee vom Unikat im Zeitalter der digitalen Reproduktion ad absurdum geführt, andererseits finde ich es spannend, weil es gerade in der bildenden Kunst stark um das Original, um etwas Greifbares geht. Die Wiederholung der Form sowie der Wörter ist für mich eine Art Konstante, etwas an das ich mich halten kann. Sie ist eine Art System, die meine Arbeit bildet. Nicht jedes Bild muss auf einer neuen Idee basieren. Die Idee ist seriell und das Bild dennoch ein Unikat.

Thomas Rhube more or less - Painting #3, 2015 Indian Ink on Canvas, 180x120 cm © Thomas Rhube

Thomas Rhube
more or less – Painting #3, 2015
Indian Ink on Canvas, 180×120 cm
© Thomas Rhube

Thomas Rhube more or less - Painting #1, 2015 Indian Ink on Canvas, 180x120 cm © Thomas Rhube

Thomas Rhube
more or less – Painting #1, 2015
Indian Ink on Canvas, 180×120 cm
© Thomas Rhube

Verändert sich durch die serielle Arbeitsweise der Wert der einzelnen Arbeit?

Trotz der seriellen Komponente: Jede Arbeit ist ein neues Bild und eine neue Herausforderung und auch ein Unikat. Der Reiz dabei ist etwas zu schaffen, das ästhetisch funktioniert. In der figurativen Malerei entwickelt man immer wieder eine neue Bildidee – ich hab das zu Studienzeiten betrieben, doch letztlich bin davon abgekommen da mir der Begriff der Abstraktion in der gegenstandslosen Kunst besser umgesetzt erscheint. Deswegen halte ich die einzigartige Bildidee innerhalb eines seriellen Kontextes für spannender. Ich finde den Gedanken faszinierend, ein Bild bis zum Ende des Lebens zu malen. Wiederholung und Variation fordern mich daher als Ansatz um Kunst zu machen heraus. Nachdem ich ein YES – Painting fertiggestellt habe, noch eines zu machen um zu sehen ob die Idee hält fordert mich heraus. Dahinter steht der Wille zum Kreislauf und der schrittweisen Entwicklung. Etwas immer wieder machen, dabei geringfügige Veränderungen heraus zu arbeiten und sich dadurch weiter zu entwickeln sehe ich als integralen Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit.

Du konzipierst neue Arbeiten am Computer. Wie kam es dazu, dass du die Zeichnung – als dir sehr vertrautes Medium – gegen den Computer ausgetauscht hast? 

Ich interessiere mich ebenso für Technologie wie auch für die Technik der Malerei. Der Computer ist für mich ein Mittel zum Zweck. Er dient mir bei der Vorarbeit und stellt für mich eine technische Möglichkeit dar. Die Zeichnung habe ich nicht ausgetauscht, auf dem Bild passiert nur Handarbeit.

Ich finde es sehr interessant, dass du auch mit bereits existierenden Grafiken arbeitest – auch aus anderen Jahrhunderten. Wie wählst du diese aus? 

Ein Bezugspunkt, der mich sehr interessiert, sind die alchemistischen Weltbilder. Vor allem die Idee, dass man aus toter Materie durch verschiedene Prozesse etwas Wertvolles machen kann. Wurde es zunächst handwerklich oder physikalisches versucht, ging es später vermehrt um den geistigen Prozess. Als man merkte, dass es schwierig ist, Herkömmliches in im Idealfall in Gold zu verwandeln wurde der Prozess zunehmend als menschliche Entwicklung interpretiert. Ich sehe darin eine Analogie zur Kunst und meiner Rolle als Künstler.

Daraus entstand ein Interesse an Grafiken und Formen, die eine Vorstellungen davon vermitteln, wie die Welt denn sei. Im Mittelalter und der Renaissance sind tolle, reduzierte Grafiken dazu entstanden. Diese Formen wollte ich in die Malerei übernehmen. Denn auch die Malerei hängt stark mit Vorstellungen, Visionen und Welterklärungsmodellen zusammen.

In den ‚More or Less Paintings‘ gibt es klare Rückführungen, die mit der Philosophie zusammenhängen. Der inhaltliche Aspekt der Werke spielt eine wesentliche Rolle. Meine Werke müssen nicht unbedingt einen mystischen Hintergrund haben, aber auch nicht aufgeklärt sein. Bei den Textbildern gehe ich bei der Entstehung des Werkes eher pragmatisch vor, bei den abstrakten Bildern ist mir der recherchierte, kontextuelle Weg wichtig.

Gibt es eine konkrete Intention in deinen Arbeiten?

Das Gute an der Kunst ist, dass sie keine ‚Message‘ vermitteln muss. Es gibt kein Dogma in der Kunst, sie sollte und kann auch keine Meinung aufzwingen. Ich würde der Betrachterin nie eine ‚Message‘ mitgeben wollen, sondern eher versuchen, sie über eine ästhetische Form zu erreichen. Die Intention ist, keine zu haben. Darin sehe ich auch eine richtige Bastion der Freiheit, die eine wichtige Funktion von Kunst ist.

Vielen Dank! 

// Sabrina Möller

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USE YOUR ILLUSION | PETER JELLITSCH, MAX PIVA, THOMAS RHUBE

Ausstellung: 05/03 – 26/05/2016

Galerie Clemens Gunzer • Josef-Pirchl-Strasse 10 • 6370 Kitzbühel • Österreich

www.clemensgunzer.com