Installation Views of Brian Gaman: Vanishing Point Parrish Perspectives Parrish Art Museum, Water Mill, NY Photos: Gary Mamay

INTERVIEW • JANET GOLEAS ÜBER BRIAN GAMAN

 

Brian Gaman’s Werk war bis vor kurzem relativ unbekannt. Kurz nach seinem Tod im Jahr 2014 wurden seine Werke erstmalig umfassend in einer Ausstellung bei ArtHelix in Brooklyn ausgestellt. Aktuell sind seine Arbeiten in der Ausstellung Brian Gaman: Vanishing Point im Parrish Museum in Water Mill, New York, zu sehen. Die Künstlerin und Autorin Janet Goleas war mit Gaman’s Werk sehr vertraut – und das obwohl Gaman nicht sonderlich gerne über seine Arbeit gesprochen hat. Im Interview mit Robert Kotasek und Sabrina Möller spricht Janet über Brian’s Motive und sein Werk.

 

Installation Views of Brian Gaman: Vanishing Point Parrish Perspectives Parrish Art Museum, Water Mill, NY Photos: Gary Mamay

Installation Views of
Brian Gaman: Vanishing Point
Parrish Perspectives
Parrish Art Museum, Water Mill, NY
Photos: Gary Mamay

Wie haben Sie Brian Gaman kennengelernt und inwieweit haben Sie zusammengearbeitet? 

Ich kannte Brian circa ein Jahr lang, bevor ich ihn das erste Mal in seinem Atelier besucht habe. Als er 2013 an der Ausstellung „Artists Choose Artists“ im Parrish Art Museum in Water Mill teilgenommen hat, war ich über sein Werk erstaunt. Er hatte eine wunderbare Installation präsentiert, die für mich zeitgleich sehr rätselhaft war. Ich habe das Werk einfach nicht ganz verstanden. Da ich nicht nur Künstlerin, sondern auch Autorin bin, habe ich mich deshalb entschieden, über Brian’s Werk zu schreiben. Ich habe mich mit ihm getroffen, um über sein Werk zu sprechen. Das war ein großartiges Gespräch, selbst wenn Brian meine Aussage zu seinen Werken weder bestätigt noch verneint hat. Mein Verständnis seiner Arbeit ist eng mit Literatur verbunden, vor allem auch mit dem Werk von Samuel Beckett. Brian war für mich auch irgendwie ein Witzbold – auch wenn ihm das vor mir sicher niemand gesagt hat.

Was ist für Sie das interessante Moment in den Arbeiten von Brian Gaman? 

Mich hat die Tatsache fasziniert, dass sich Brians Werk sein ganzes Leben lang nicht wesentlich verändert hat. Es war als ob seine künstlerische Entwicklung bereits nach seinem Abschluss an der Akademie abgeschlossen wäre.

Doch besonders interessiert mich in seiner Arbeit das „teleskopische Sehen“. Brian hat mit der Technik des Tintenstrahldrucks auf großen Formaten gearbeitet. Die Arbeiten sind nur sehr schwer entschlüsselbar. Es ist eine eigene, nur schwer definierbare Bildsprache. Wenn wir über seine Werke gesprochen haben, hat er nur mit seinem Kopf genickt und meine Theorien weder bestätigt noch negiert.

Seine Arbeiten auf Papier verfolgen das Prinzip einer Makro- und Mikro-Sichtweise. Die kleinen Bilder hatten ihren Ursprung oft in Brians Videoarbeiten: Er hat sich reingezoomt, kam dem Bild immer näher, als ob er sich außerhalb des Sichtfeldes bewegen würde oder als ob er eine andere Sichtweise beschreiben würde, die flüchtig, minimal und nicht beschreibbar ist. Das fasziniert mich sehr.

Brian hat sich eine Zeit lang, seit den 1970er Jahren, mit Untersuchungen des Sehens beschäftigt. Gibt es einen Ursprungsmoment in der Auseinandersetzung mit diesem Thema?

Ich glaube, dass Brian bereits in einer frühen Phase seines künstlerischen Schaffens an der strukturalistischen Kinematographie interessiert war: an Filmen von Künstlern wie Michael Snow oder Hollis Frampton. Vor allem in der Art und Weise wie Michael Snow mit der Kamera umging und wie er sie auf einen unbestimmten Brennpunkt fokussierte. Zum Beispiel im Film Wavelength, welcher eine Dauer von etwa 45 min hat, zoomt sich Snow kontinuierlich und langsam rein. Er hört erst bei einem Brennpunkt auf, welchen man am Anfang des Filmes gar nicht erwartet hätte. Das beeinflusste Brian und sein eigenes künstlerisches Schaffen.

Welche Rolle spielt das Format der Werke bei Brian Gaman?

Die Rolle des Formats war sehr wichtig. Mein Verständnis der Arbeiten von Brian hängt jedoch sehr eng mit der Wahrnehmung und der Körperlichkeit des Sehens zusammen. Ich bin mir nicht, ob Brian’s Sichtweise ähnlich war oder ob seine Herangehensweise wesentlich intellektueller war. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es ein Teil seines Schaffens war.

Installation Views of Brian Gaman: Vanishing Point Parrish Perspectives Parrish Art Museum, Water Mill, NY Photos: Gary Mamay

Installation Views of
Brian Gaman: Vanishing Point
Parrish Perspectives
Parrish Art Museum, Water Mill, NY
Photos: Gary Mamay

Woher nahm Brian die Inspiration für seine Arbeiten? 

Brian war in seiner Arbeit sehr verschlossen, während er in seinem Privatleben sehr umgänglich und gesellig war. Daher ist die Frage für mich schwer zu beantworten. Aber sie bringt mich zurück zu einer Parallele mit Samuel Beckett, denn auch er hätte nie so viel über seine Werke preisgegeben. Und auch Beckett war ein ziemlicher Witzbold.

Welche Rolle spielte die Materialität seiner Arbeiten?

Die war natürlich sehr wichtig. Die Ästhetik war meiner Meinung nach eng mit dem Minimalismus verbunden und mit der Suche nach neuen Formen künstlerischen Ausdrucks. Die Minimal Art verwendeten industrielle Materialien sowie monochrome Leinwände. Die frühen Werke amerikanischer Künstler hatte eine gemeinsame Ästhetik: Die ortsspezifischen Arbeiten oder die Arbeiten auf Papier waren oft von Spuren des Herstellungsprozesses gekennzeichnet. Diese materielle Präsenz war für Brian vielleicht wichtiger als die Objekte selbst.

In seinem Frühwerk schuf Brian eine überdimensionale Plastik in Form einer Brille. Er wollte das Glas unbedingt selber herstellen. Er arbeitete mit Spezialisten in einer Glasfabrik in Corning, um ein klares Glas zu produzieren und schuf dabei riesige Brillengläser mit einem Durchschnitt von ungefähr 60 cm. Doch leider ging das Glas im Laufe des Prozess immer wieder kaputt. In weiterer Folge schuf er immer wieder Werke, die die Form einer Brille aufgriffen.

Beschäftigt man sich mit Brians Schaffen, glaubt man zunächst nicht, dass die Werke einfach als eine Brille interpretiert werden sollten – sie sehen zwar wie eine Brille aus, aber man glaubt, dass man es nur nicht richtig verstanden hat. Für mich bilden diese Arbeiten den Ausgangspunkt für die weitere Analyse von seinem Werk. Brians Werk kann für den Betrachter schwer verständlich sein, aber auf der anderen Seite sind die Arbeiten sehr klar. Die Werke sind einfach genau das, was sie darstellen.

Hat Brian die Skulpturen selber produziert oder sind diese im Rahmen einer industriellen Produktion entstanden? 

Obwohl ich mir nicht sicher bin, glaube ich, dass er mit verschiedenen Spezialisten gearbeitet hat, die ihm beim Herstellungsprozess unterstützt haben. In einigen Arbeiten sind die Spuren der industriellen Bearbeitung so markant, dass schnell klar wird, dass Brian sich mit dem industriellen Prozess intensiv auseinandergesetzt hat.

Bei ArtHelix in Bushwick, New York, fand eine Gedenkausstellung mit Brians Werken statt. Ich kann mir vorstellen, dass es eine sehr emotionale Erfahrung ist, eine solche Ausstellung zu organisieren und zu kuratieren. Wie haben Sie die Ausstellung wahrgenommen? 

Es war absolut atemberaubend. Weil Brian so wenig über seine Arbeit gesprochen hat, war die Stärke seiner Arbeiten überraschend. Für Künstler ist ein volles Ausstellungsprogramm ebenso wichtig, wie das Schaffen selbst. Aber wenn man seine Werke nicht ausstellt, heißt das nicht, dass man nicht weiter arbeitet. Ich bin mir sicher, dass Brian mit mehr Ausstellungen in seiner späteren Karriere gerechnet hat, nur war es für ihn nicht von besonderer Bedeutung.

Nach welchen Kriterien wurden die Arbeiten für die Ausstellung ausgewählt?

Die Ausstellung wurde von zwei herausragenden Persönlichkeiten kuratiert: von Bonnie Rychlak, Brian’s Frau, und von Peter Hopkins. Sie haben eine großartige Ausstellung konzipiert. Brian hatte sehr spezifische Kriterien, was die Installation und Präsentation seiner Werke betrifft: Etwa wo und wie sie gehängt werden sollten. Er wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn man sie anders installiert hätte. Ich glaube, dass die ArtHelix Ausstellung seinen Vorstellungen sehr nahe gekommen ist und dass sie von niemanden sonst in der Form hätte konzipiert werden können.

Installation Views of Brian Gaman: Vanishing Point Parrish Perspectives Parrish Art Museum, Water Mill, NY Photos: Gary Mamay

Installation Views of
Brian Gaman: Vanishing Point
Parrish Perspectives
Parrish Art Museum, Water Mill, NY
Photos: Gary Mamay

Welches Werk in der Ausstellung hat Sie besonders beeindruckt oder überrascht? 

Alle Werke waren überraschend. Die Ausstellung war erstaunlich. Viele Leute kamen zur Eröffnung und waren einfach verblüfft. Einige Reaktionen waren von Trauer überschattet, denn Brian ist so früh verstorben. Aber die Reaktionen wären sicher identisch gewesen, selbst wenn Brian noch da gewesen wäre. Besonders überraschend – oder fast schon merkwürdig – war für mich die rote Arbeit in der Ausstellung. Es war die einzige farbige Arbeit, denn alle andere Arbeiten waren grau, schwarz oder weiß. Bis zu dieser Ausstellung kannte niemand farbige Arbeiten von Brian.

Die Arbeit ist ca. 2 oder 2,5 Meter hoch, der obere und untere Teil sind weiß. Das Bild – oder das, was als ein Bild gesehen werden kann – befindet sich in der Mitte des Papierstreifens. Was mich an der Arbeit fasziniert ist die Tatsache, dass die weißen Flächen mit weißer Farbe eingefärbt sind. Es sind keine leeren Flächen.

Sie sind nicht nur Autorin sondern auch selber Künstlerin. Inwieweit werden sie durch die intensive Auseinandersetzung mit anderen künstlerischen Positionen beeinflusst? 

Ich glaube nicht, dass mein künstlerisches Schaffen davon direkt beeinflusst wird. Aber natürlich: alles, was ich sehe, beeinflusst mich bis zu einem gewissen Grad. Zumindest alles, was mich berührt. Im Brian’s Schaffen fasziniert mich vor allem der Endpunkt des Sehens. Und das wird immer ein Teil meines Lebens sein. Ich glaube, dass er ein sehr wichtiger Künstler ist und bin sehr froh, dass sein Werk nun in die weite Welt getragen wird. Ich hätte mir nur gewünscht, dass Brian seinen Ruhm gemeinsam mit uns genießen könnte. Denn es ist ein wunderbares Werk.

Vielen Dank! 

// Robert Kotasek & Sabrina Möller

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Brian Gaman: Vanishing Point

13. März bis 24. April 2016 
Parrish Museum • 279 Montauk Highway Water Mill • New York