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Wollten Sie immer schon einmal einen Kuratoren oder (potentiellen) Sammler in ihr Hotelzimmer einladen? Vermutlich eher nicht. Auf der LOOP in Barcelona wird sich das allerdings nicht vermeiden lassen. Denn dort teilt man sich gemeinsam mit seinen Besuchern ein kleines Hotelzimmer. Statt einer Messehalle mit verschiedenen Ständen, veranstaltet die LOOP Barcelona ihre Video-Messe alljährlich in einem Hotel. Das macht auch Sinn: Die Räume sind leicht abzudunkeln, die Atmosphäre ist gemütlich. Fast schon zu gemütlich. Zumindest stellt sich kurzzeitig ein komisches Gefühl ein, wenn man den ersten Raum betritt und Ursula Krinzinger auf dem Hotelbett sitzen sieht, während sie sich das Video „History of Reappropriation, Architecture as a Stake“ von Kader Attia anschaut. Weird? Ja! Aber, dass weird auch ganz schön großartig sein kann, beweist die LOOP. Zweckentfremdet sind die Hotelzimmer dennoch nicht allesamt, denn die Galeristen können nachts in ihrem „Ausstellungsraum“ übernachten. Und, weil das die Kosten natürlich reduziert, machen einige der Galeristen auch Gebrauch davon.

 

LOOP 2016 Kader Attia "A History of Reappropriaton, Architecture as a Stake", 2012 Galerie Krinzinger, Vienna Photo © Carlos Collado

LOOP 2016
Kader Attia „A History of Reappropriaton, Architecture as a Stake“, 2012
Galerie Krinzinger, Vienna
Photo © Carlos Collado

Insgesamt 47 Video’s gibt es zu sehen. Das klingt zunächst überschaubar. Doch dafür sollte man zumindest zwei volle Tage einplanen. Statt also das sonnige Barcelona an dem hübschen Hotelpool oder in den belebten Straßen zu genießen, lohnt es sich durchaus, sich zwei Tage lang in den abgedunkelten Hotelzimmern zu verschanzen. Denn die Qualität der präsentierten Arbeiten und Künstler ist hoch und absolut sehenswert: Von Julien Bismuth über Sigalit Landau bis hin zu Hans Op de Beeck.

Ein Highlight auf der diesjährigen Messe ist das Video „Ol Ora Buruku“ von Paulo Nazareth, dass die Galerie Mendes Wood aus Sao Paulo präsentiert. Alles begann in den Straßen von Sao Paulo, als Paulo Nazareth zufällig dem einzigen Protagonisten des Video’s über den Weg lief: Er, Flüchtling aus Afrika, redete permanent mit sich selbst. Bzw. sprach er in Wirklichkeit zu der Stadt. Er protestierte. Gegen eine Stadt, die so wenig für die Flüchtlinge tut. Gegen eine Stadt, die so schlechte Lebensbedingungen bietet. Paulo schlug ihm vor, nicht tief unten in den dunklen Straßen von Sao Paulo zu der Stadt und den Bewohnern zu sprechen, sondern von ihrem höchsten Punkt aus. Gemeinsam gingen sie auf das Dach des höchsten Hochhauses: Dort, von wo aus man die ganze Stadt überblicken kann, schrie er nun seine Monologe heraus; auf die Stadt herab. Sein Gesicht sehen wir dabei nicht. Die Worte verstehen wir auch nicht. Alles was wir sehen ist die Rückenansicht und die Stadt Sao Paulo. Doch wir hören oder spüren seine Energie und jede Menge Wut.

Perspektiven von ganz oben liefert auch die Arbeit „Land of the Sun“ von Niklas Goldbach. Ein Video, das 2014 in California City gedreht wurde. Eine riesige Fläche im Nirgendwo, die den Boden für eine neue Mega-Stadt liefern sollte. Eine Stadt, die bis heute nicht in der geplanten Form realisiert wurde. Gegründet wurde California City von dem Grundstücksentwickler Nat Mendelssohn im Jahr 1958, der mit diesem Projekt Los Angeles überholen wollte. Ein gescheitertes Projekt. Denn die 320km2 sind heute kaum besiedelt. Nur um den Ortskern herum finden sich triste Siedlungen mit insgesamt 14.000 Bewohnern. Hier, mitten im Mojave Desert, ist auch heute noch das ursprünglich geplante Straßennetz erkennbar. Ein rasterartiges Konstrukt, dass mitten im Nirgendwo völlig fehlplatziert erscheint. Während man im Video die triste und vor allem menschenleere Gegend von California City sieht, erzählt eine Stimme von ihrem Leben in der Stadt. Davon, dass sie auf dem Weg zur Arbeit niemals jemanden über den Weg läuft. Davon, dass es kein kulturelles Angebot gibt, sondern sie sich selbst beschäftigen. Davon, dass ihr das Shoppen nicht fehlt. Sie klingt dabei begeistert. Die Bilder sprechen jedoch eine andere Sprache.

Es sind Ereignisse wie die Terrorattacke auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die Zunahme an jungen Jihadisten, die Kader Attia dazu bewegt haben, seinen Film „History of Reappropriation, Architecture as a Stake“ zu zeigen. Der 2012 gedrehte Film wird von der Galerie Krinzinger präsentiert. Attia, der als Sohn einer algerischen Einwandererfamilie nahe Paris geboren wurde, arbeitet durch verschiedene Medien hinweg sozialkritisch. In diesem Video dokumentiert er Jugendliche aus Algerien und Paris in ihrem Alltag. In einer der Szenen, die in einem Internetcafé in Paris gedreht wurden, kämpfen junge Franzosen durch ihren Avatar miteinander. In Algerien hingegen spielen junge Männer Fussball, während das historische Monument auf dieser vertrockneten Wiese unbeachtet bleibt. Vielmehr noch, wird die Architektur als Fussballtor missbraucht. Menschen und Kulturen leben Seite an Seite und doch fehlt ein echter Austausch.

Viele der Arbeiten auf der LOOP sind sozialkritisch und verweisen auf gegenwärtige Problematiken. Es sind Dokumentationen, laute oder leise Proteste. Wie auch die Arbeit von Zoulikha Bouabdellah, die von der Galerie Mathias Coullaud gezeigt wird. Die Tochter eines algerischen Filmmachers setzt sich anhand von drei kunsthistorisch relevanten Gemälden mit der gegenwärtigen Rolle der Frau auseinander. „Die drei Grazien“ von Raffael, „Olympia“ von Edouard Manet und das „Porträt der Gabrielle d’Estrées und der Duchesse de Villars“ von der Schule von Fontainebleau. Das Video setzt sich aus verschiedenen Overlays der einzelnen, nachgestellten Szenen zusammen. Eine Collage, deren einzelnen Zuschnitte anhand traditioneller Muster oder Orientteppiche erfolgt sind. Während die Frauen in den Gemälden komplett unbekleidet sind, hat Bouabdellah sie mit traditionellen Gewändern eingekleidet, die jedoch viel Dekolleté freilegen. So wird etwa Manet’s Olympia in diesem Video von einer dunkelhäutigen Afrikanerin verkörpert. Die Rollen des ursprünglichen Gemäldes werden in Frage gestellt.

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LOOP barcelona

02/06 – 04/06/2016

www.loop-barcelona.com