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Wer eine Ausstellung besucht, kennt neben den ausgestellten Künstlern vor allem auch den Namen des Kurators. Doch was den meisten BesucherInnen verborgen bleibt, ist das große Team, das hinter den Kulissen einer Ausstellung arbeitet bzw. die Ausstellung vorbereitet. Dazu gehören unter anderem Ausstellungsmanager, Registrare und Sammlungsverwalter. Anlässlich der ERC – European Registrars Conference, die in diesem Jahr vom 08. – 10. Juni 2016 erstmalig in Wien stattfindet, haben wir Werner Sommer – Leiter der Sammlungsverwaltung im Belvedere – zum Gespräch getroffen. Im Interview mit Valentina Marterer und Sabrina Möller spricht er über seine Aufgaben und die Komplexität seines Berufs.

 

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien Foto: © eSeL.at

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien
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Sie sind Leiter der Sammlungsverwaltung im Belvedere. Eine Position, die sich dem Blick des Museumsbesuchers entzieht. Die Verwaltung einer Sammlung mag zunächst nach einseitiger Bürokratie klingen, doch das Berufsbild ist weitaus komplexer. Können Sie uns einen Einblick geben? 

Die Sammlungsverwaltung hat mit nahezu allen Bereichen, die es in einem Museum gibt, zu tun. Die Sammlung des Belvedere basiert auf der kaiserlichen Sammlung. Ihre Wurzeln liegen demnach nicht nur im 19. Jahrhundert. Es gibt darüber hinaus deutlich ältere Stücke in dieser Sammlung, die immer weiter wächst. Das erfordert einen hohen Verwaltungsaufwand. Darüber hinaus organisieren wir nicht nur Ausstellungen im Belvedere, sondern verleihen auch immer wieder Werke an andere Institutionen.

Außerdem gibt es dann noch unvorhersehbare Schadensfälle, um die wir uns kümmern müssen. Vor einer Stunde habe ich beispielsweise einen Anruf erhalten, dass einem Leihnehmer ein Bild von der Wand gefallen ist. Die Arbeit ist nun beschädigt und muss entsprechend betreut werden. Hier werden wir aktiv, koordinieren mit den Restauratoren gemeinsam die nächsten Schritte und kümmern uns um die Versicherung.

Damit haben Sie gleich das Worst-Case-Szenario einer Leihgabe skizziert. Wie gehen Sie mit solchen Situationen um? Was sind Ihre ersten Schritte, nachdem Sie die Information erhalten haben? 

Zunächst versuchen wir eine weitere Vergrößerung des Schadens zu verhindern. Das bedeutet, dass wir das Bild erst einmal nicht bewegen dürfen. Ein Restaurator wird den Fall dokumentieren und alle Bruchstücke, die es noch gibt, bergen. Im nächsten Schritt wird der Fall der Versicherung gemeldet und man holt Kostenvoranschläge für eine Restaurierung ein. Nach Freigabe durch die Versicherung wird das Werk, sofern es noch möglich ist, restauriert.

Zu dem aktuellen Fall kann ich derzeit nicht viel sagen. Ich habe den Schaden noch nicht persönlich gesehen. In diesem Fall scheint jedoch vor allem der Rahmen beschädigt worden zu sein. Es kann also durchaus eine Vergoldung notwendig werden und ggfl. müssen Stuckornamente auf dem Rahmen ergänzt werden. Und das kann natürlich teuer werden.

Die Versicherung von Werken ist essentiell. Denn es kann immer etwas passieren. Wie legen Sie die jeweiligen Versicherungswerte fest? Sind Sie ständig über aktuelle Marktpreise bzw. Auktionsergebnisse informiert? Und wie gehen Sie mit Preisschwankungen am Markt um? Werden die für einen solchen Versicherungswert auch berücksichtigt? 

Der Versicherungswert wird mit der Direktion und manchmal mit den zuständigen Kuratoren festgelegt. Aber Versicherungswerte braucht man nur dann, wenn etwas transportiert wird oder wenn etwas verliehen wird. Der Wert orientiert sich üblicherweise am aktuellen Marktwert eines vergleichbaren Kunstwerkes.

Aktuelle Auktionsergebnisse sind demnach mit ausschlaggebend? 

Genau, wir beobachten den Markt permanent. Manche Künstler werden viel gehandelt, bei anderen Namen bzw. Werken wird es schwieriger.

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien Foto: © eSeL.at

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien
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Um die Sammlung fachgerecht zu betreuen und entsprechende Rahmenbedingungen für die Lagerung der Werke zu schaffen, müssen Sie sich mit den Materialien gut auskennen, Reaktionen auf Klimabedingungen, Alterungsprozesse und mögliche Erschütterungen im Rahmen eines Transportes abschätzen können… 

Ein Großteil unserer Sammlung besteht nach wie vor aus Öl auf Leinwand. Teilweise finden sich aber auch Werke aus Holz, Metall oder Stein. Materialien, mit denen man bereits seit Jahrhunderten Erfahrungen sammeln konnte. Herausfordernder ist die Gegenwartskunst. Beginnend mit dem 20. Jahrhundert wurden die gängigen Materialien in der Kunst zunehmend erweitert. Bei einigen Objekten müssen wir dann über den Umgang damit diskutieren. Wir arbeiten hier eng mit Restauratoren zusammen, die sich mit Gegenwartsmaterialien auskennen und lernen selber oft am Objekt. Kunststoffe etwa, die irgendwann zerfallen, sind eine Herausforderung.

Gerade im Bereich der Gegenwartskunst: Wie eng arbeiten Sie bei diesen Fragestellungen rund um die Materialien direkt mit den Künstlern zusammen? 

Es kommt durchaus vor, dass wir im Falle einer nötigen Restaurierung den Künstler hinzuziehen. Schließlich gehören die Arbeiten in unserer Sammlung dem Staat, sodass man diese für die Ewigkeit erhalten möchte. Da sind wir schon froh, wenn man den/die KünstlerIn zur Rate ziehen kann.

Ein Beispiel? 

Wir haben Arbeiten der Künstlergruppe Gelatin in unserer Sammlung. Die Gruppe lebt in Wien und das ist sehr praktisch! Wir können sie jederzeit kontaktieren und uns gemeinsam beratschlagen, sofern Probleme auftreten sollten. Das ist der Idealfall. Doch irgendwann gibt es uns alle nicht mehr, und auch dann müssen wir die Arbeiten in der Sammlung bestmöglich erhalten können.

Gibt es beim Ankauf von Werken gewisse Entscheidungskriterien, die beispielsweise die Langlebigkeit von Werken bzw. entsprechend herausfordernde Lagerbedingungen berücksichtigen? 

Es gibt diesbezüglich keine konkret festgesetzten Kriterien. Doch natürlich gilt es, die Haltbarkeit der Materialien abzuschätzen. Von Dieter Roth gibt es beispielsweise Objekte, von denen wir wissen, dass sie verderben werden. Etwa ein Werk, das aus mit Fett gefüllten Plastiksackerln besteht. Irgendwann treten die Weichmacher aus dem Plastik aus, und der Inhalt wird herausrinnen. Das ist natürlich ein Graus! Ob man solche Arbeiten langfristig erhalten kann? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht war das auch nicht die Absicht des Künstlers.

Gibt es einen festgelegten Zyklus, nachdem Sie den aktuellen Zustand von Arbeiten in der Sammlung überprüfen? 

Es gibt regelmäßige Inventuren, doch es ist nicht möglich, permanent tausende von Werken zu kontrollieren. Vielmehr haben wir verdächtige Kandidaten, die wir verstärkt beobachten. Objekte aus Holz beobachten wir beispielsweise häufiger, da es in der Vergangenheit bereits Schädlingsbefälle gab. Es gibt einfach Insekten, die gerne Holz fressen. Die Restauratoren sind in diesen Fragen geschult und können abschätzen, ob ein Loch im Holz akut oder alt ist. Auch eine Schokoladenpuppe wird man häufiger kontrollieren als andere Werke.

Das Belvedere ist auch für sein digitales Archiv bekannt, durch das unter anderem auch die Sammlung öffentlich zugänglich gemacht wurde. Welche Vorzüge bringt diese Digitalisierung mit sich? 

Nicht nur für das Publikum, sondern auch für Forscher macht diese Digitalisierung Sinn. Sucht ein/e KuratorIn im Ausland Werke für eine Ausstellung, muss er/ sie nicht schwer auffindbare Kataloge organisieren. Man kann sich leicht einen Überblick verschaffen. Es erreichen uns immer wieder Anfragen, bei denen deutlich wird, dass sie bereits online unsere Sammlung gesehen haben. Selbst für die Besucher ist es sehr spannend: Denn im Museum selbst wird nur ein sehr kleiner Prozentsatz der umfangreichen Sammlung ausgestellt. Die meisten Werke befinden sich in den Depots.

Wie vermeiden Sie im Rahmen des digitalen Archivs einen Missbrauch des Bildmaterials?

Für die Bildrechte gibt es im Belvedere eine eigene Abteilung. Die Abbildungen im Netz haben keine besonders hohe Auflösung. Sofern man die Werke also reproduzieren oder in einem Katalog berücksichtigen möchte, wird die Bildqualität nicht ausreichen. In diesem Fall kann man die Bildrechte natürlich kaufen. Das ist meiner Meinung nach ein guter Kompromiss. Wir haben uns darauf geeinigt, unsere Daten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und damit ist eine gewisse Datengröße durchaus vertretbar.

 

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien Foto: © eSeL.at

Registrar Werner Sommer beim Ausstellungsaufbau im 21er Haus, Wien
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Inwieweit sind Sie selber als Leiter der Sammlungsverwaltung in den Ausstellungsaufbau involviert? 

Im Ausstellungsmanagement arbeiten fünf Personen, die nur für die Organisation von Ausstellungen verantwortlich sind. Meine Aufgabe als Sammlungsverwalter ist es vielmehr, die Ausstellungsmanager zu unterstützen. Es ist schon komplex genug, aus dem Ausland Werke auszuleihen und sich um die rechtlichen Aspekte zu kümmern. Wir koordinieren die Transporte und müssen nicht nur sicherstellen, dass alles heil ankommt, sondern auch die Budgets eingehalten werden. Organisieren wir eine Ausstellung mit Werken, die primär aus der eigenen Sammlung stammen, kümmere ich mich um den Transport der Werke aus den Depots in die Ausstellungsräume.

Was war Ihre bisher größte Herausforderung? 

Objekte mit Dimensionen oder Materialien, die man so zuvor noch nicht kannte, sind immer wieder eine Herausforderung. Vor zwei Jahren haben wir im 21er Haus eine riesige Arbeit von Gelatin präsentiert. Es begann damit, dass wir einen 10 x 10 x 10m Kubus aus Styropor ins 21er Haus bringen mussten. Dann hat die Künstlergruppe eine Woche lang den Kubus im Ausstellungsraum bearbeitet: Es wurden Löcher in den Würfel gegraben, in diese Löcher wurde Gips hineingegossen und Möbelteile in die Öffnungen gesteckt. In den Hohlräumen haben sich letztendlich Skulpturen gebildet. Und tatsächlich erinnert eine Arbeit mit solchen Dimensionen an die Tätigkeit eines Bergsteigers: Man musste sich abseilen, um an dem Kubus zu arbeiten. Das war ein echtes Highlight, diesen Prozess mitzuerleben.

Jede Bewegung eines Werkes bedeutet auch eine mögliche Verschlechterung des Zustands. Wie entscheiden Sie, ob ein Werk verliehen werden kann? 

Am besten wäre es natürlich die Arbeiten gar nicht zu bewegen. Denn jede Bewegung kann dazu beitragen, dass sich der Zustand eines Werkes verschlechtert. Arbeiten, die für eine Leihgabe und den Transport ungeeignet erscheinen, werden natürlich nicht verliehen. Andere Werke sind vom Verleih ausgeschlossen: Etwa die „Bösen Mütter“ von Segantini. Nicht nur, weil sie ein wichtiger Teil der Sammlung sind, sondern weil sie besonders empfindlich sind.

Und wenn man sich doch entscheidet, etwas zu verleihen, dann schließt das Prozedere natürlich eine restauratorische Betreuung mit ein. Einerseits im Vorfeld, andererseits beim Transport. Wir versuchen sämtliche mögliche Szenarien, die zu einer Beschädigung des Werkes führen könnten, im Vorfeld auszuschließen. Auch vor Ort wird das Werk in den jeweiligen Museen von einem Restaurator des Hauses betreut.

Wie kommt man zu diesem Berufszweig? Schließlich gibt es keine spezifische Ausbildung. 

Ich habe zunächst Handelswissenschaft studiert. Mit Kunst habe ich mich nur privat auseinandergesetzt. Später habe ich dann einen Lehrgang für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst absolviert und bin schließlich bei einer Kunstspedition gelandet. Dort habe ich viel mit Museen und Galerien zusammengearbeitet. Zehn Jahre lang war ich dort bis ich gefragt wurde, ob ich nicht im Belvedere arbeiten möchte.

Sie zählen zu den ersten Mitgliedern des ARC – Austrian Registrars Committee. Inwieweit zählt es auch zu Ihren Aufgaben, sich für spezifische Ausbildungen einzusetzen?

Die Kolleginnen vom ARC haben stark daran gearbeitet ein Berufsbild zu etablieren. Im Amerikanischen Raum gibt es das schon länger, während das Thema in Europa noch in den Kinderschuhen steckt. Das beginnt damit, dass es beispielsweise vor 15 Jahren selbst im Belvedere noch kein Ausstellungsmanagement gab. Die Kuratoren haben damals diese Aufgaben übernommen. Das war dadurch möglich, da damals viel weniger Ausstellungen als heute organisiert wurden.

Heute gibt es in jedem Museum einen Registrar bzw. teilweise auch mehrere Registrare und Ausstellungsmanager. Die Einteilung unterscheidet sich von Museum zu Museum. Doch ich könnte mir vorstellen, dass diese Sparte im Laufe der Zeit an Fachhochschulen gelehrt wird. Auch für das Sammlungsmanagement wäre eine spezifische Ausbildung sinnvoll.

Vielen Dank!

// Valentina Marterer & Sabrina Möller

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ERC – EUROPEAN REGISTRARS CONFERENCE

Der österreichische Verein der Registrare Arc – Austrian Registrars Committee hat die internationale Konferenz der Registrare – ERC – European Registrars Conference – organisiert. Die Konferenz findet vom 8-10. Juni 2016 in der Wiener Hofburg statt.

Mehr unter: www.erc2016.at