ANDREA HOFINGER – REGISTRAR AT TBA21

Video  © Kristina Kulakova

Wer eine Ausstellung besucht, kennt neben den ausgestellten Künstlern vor allem auch den Namen des Kurators. Doch was den meisten BesucherInnen verborgen bleibt, ist das große Team, das hinter den Kulissen einer Ausstellung arbeitet bzw. die Ausstellung vorbereitet. Dazu gehören unter anderem Ausstellungsmanager, Registrare und Sammlungsverwalter. Anlässlich der ERC – European Registrars Conference, die in diesem Jahr vom 08. – 10. Juni 2016 erstmalig in Wien stattfindet, haben wir Andrea Hofinger – Loan Registrar in der TBA21, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary – zum Gespräch getroffen. Im Interview mit Valentina Marterer und Sabrina Möller spricht sie über ihre Aufgaben und die Komplexität ihres Berufs.

 


 

Sie gehören zu den Gründungsmitglieder des ARC – Austrian Registrars Committees. Aus welcher Motivation heraus haben Sie, gemeinsam mit Ihren Kollegen, den Verein gegründet? 

Viele von uns kannten sich bereits zuvor aus beruflichen Beziehungen. Die Idee, einen Verein zu gründen, konkretisierte sich dann, als wir uns 2012 in Edinburgh auf der European Registrars Conference wieder getroffen und  uns die Frage gestellt haben, warum wir – Collection Manager, Registrare und Exhibition Manager in Österreich – uns noch nicht zusammen gefunden haben, um gemeinsame Interessen zu verfolgen. Schließlich gab es ähnliche Vereine bereits zum damaligen Zeitpunkt in anderen Ländern. Im Gespräch haben wir schnell entschieden, dies zu ändern und einen Verein zu gründen. In unseren Erstgesprächen ging es vor allem darum, zu definieren, was ein Registrar eigentlich ist. Denn eines ist uns schnell aufgefallen: Wir alle haben in unserem Berufsalltag viele Überschneidungen und dennoch unterscheiden sich die Aufgabenbereiche mit der jeweiligen Institution. 

Wie definiert sich der Beruf des Registrars? 

Ein Registrar hat ein sehr breites Feld an Tätigkeiten zu bewerkstelligen. Entweder organisiert man als Exhibition Manager Ausstellungen, oder man kümmert sich als Registrar primär um die Sammlung und Leihgaben, und damit einhergehend um Verträge, Versicherungen, Transporte, Lagerung, Dokumentation, Inventarisierung und Datenbanken. Ein Registrar ist auch ein Archivar. Die Bewahrung der Sammlungsgegenstände ist eine der Kernaufgaben. 

Was sind die langfristigen Ziele des ARC – Austrian Registrars Committees? 

Uns war es in erster Linie wichtig, uns zu vernetzen; Wir möchten uns austauschen, gemeinsam Schwierigkeiten bewältigen und langfristig Standards für dieses Berufsfeld setzen. 

Darüber hinaus ist auch die Aus- und Weiterbildung ein großes Thema für den Verein. Die meisten von uns haben sich alles von der Pike auf selber beigebracht. Denn der klassische Registrar, zumindest in Österreich, beginnt in diesem Feld ohne eine spezifische Ausbildung. Durch den Verein können wir unsere Erfahrungen teilen, weitergeben und uns gegenseitig schulen. Wir haben bereits Vorträge zu verschiedenen Themengebieten, wie Condition Reporting, Transport und Versicherung, organisiert. Unter anderem haben wir eine Vortrag über das Berufsbild und unser Tätigkeitsfeld an der Universität Wien gehalten. Das Interesse seitens der Studierenden war groß, nachdem sie zwar viel theoretischen Wissen erlernen, aber wenig Praktisches gelehrt bekommen. 

Sichtbarkeit ist folglich auch eine wesentliche Aufgabe des ARC. Denn nur so können wir weitergeben, was hinter den Kulissen passiert und wie Registrare arbeiten. Wir arbeiten hinter der Bühne, nicht auf der Bühne. Wenn ein Besucher eine Ausstellung betritt, wird er einen Registrar nicht zu sehen bekommen. Diese Tätigkeiten transparent zu machen – sie „out of the box“ zu bringen – ist uns ein Anliegen.

Sie haben bereits bei der TBA21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary) gearbeitet, als Sie gemeinsam mit den KollegInnen den Verein gegründet haben. Inwieweit hat Ihnen der Verein bereits im beruflichen Alltag geholfen? 

Es ist viel leichter geworden, mit den Kollegen der einzelnen Institutionen im Austausch zu arbeiten. Es erleichtert diverse Arbeitsschritte, wenn man sich persönlich kennt und reduziert gleichzeitig die Bürokratie. 

Und natürlich lernen wir auch permanent selber im Rahmen unseres Austausches und der Vorträge, die wir in regelmäßigen Abständen für Mitglieder des Vereins und zu den unterschiedlichsten Registrar-Themen organisieren. 

In dem Konferenzprogramm der ERC – European Registrars Conference – ist die Standardisierung von Abläufen immer wieder Thema. 

Jedes Land hat seinen eigenen legalen Status, der jeweils sehr stark in den Verträgen – wie etwa den Leihverträgen – verankert ist. Eine Standardisierung von Verträgen und Abläufen würde hier womöglich zu einer Kostenreduktion führen. Denn es ist üblich, dass die Institutionen untereinander für Leihgaben Kosten verrechnen, was wiederum mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden ist. Im Prinzip verrechnen wir uns immer wieder gegenseitig Kosten. Würden wir darauf verzichten, würde das an der Bilanz vermutlich wenig verändern, doch den Arbeitsaufwand wesentlich reduzieren.

Der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit bei der TBA21 liegt im Bereich der Leihgaben. Was macht dieses Feld für Sie spannend? Denn tatsächlich klingt es nach viel Bürokratie. 

Natürlich umfasst meine Tätigkeit auch sehr viel Bürokratie, aber die Abwicklung von Leihgaben ist ähnlich der Organisation einer Ausstellung: Jede Leihgabe ist ein kleines Projekt für sich. Es muss genauso viel berücksichtigt werden, wie bei einer Ausstellung. Man muss sich um den Zustand der Arbeiten kümmern, um die Verpackung und den Transport, um gutes Bildmaterial und Hintergrundinformationen zu den verwendeten Materialien, um den korrekten Auf- und Abbau und die richtige Nennung der Sammlung in Katalog und Ausstellung. Es ist schön, die Arbeiten dann schlussendlich in der Ausstellung hängen zu sehen. Jeder Ablauf und jede Leihgabe bringt etwas Neues mit sich. Insbesondere, weil wir in der TBA21 zeitgenössische und somit sehr komplexe Arbeiten haben, die weit über klassische Ölgemälde hinaus reichen, und damit einen größeren Aufwand erfordern.

Inwieweit?

Viele unsere Arbeiten sind Installationen, die keiner klassischen Kategorie –  wie Gemälde, Fotografie, Skulptur, Architektur, Film – zugeordnet werden können, sondern viel mehr aus einem Zwischenbereich davon entwickelt wurden. Wir benötigen für fast jedes Kunstwerk ein Installation Manual, das wir für die jeweilige Installation entwerfen. Wenn die Möglichkeit besteht, fahren wir selber mit zum Aufbau, oder ich schicke einen Techniker bzw. einen Art Handler, der anhand dieser Vorgabe – die wie eine Bedienungsanleitung funktioniert – die Arbeit aufbaut. 

Die Arbeit des Registrars und seine/ihre Herausforderungen variieren demnach auch sehr mit der jeweiligen Sammlung und den Arten der Kunstwerke. Während einige Registrare antike Kunstwerke mit hohen Werten betreuen, kümmern sich anderen um komplexe zeitgenössische Installationen, mit manchmal ebenso hohen Wert. 

Was sind die grundlegenden Unterschiede zwischen einem Ausstellungsmanager und einem Registrar?

Tatsächlich kann es ein und dieselbe Person sein. Das hängt von der jeweiligen Institution und ihrer Größe ab. Als Ausstellungsmanager ist man dafür verantwortlich, dass die Ausstellung an der richtigen Position und zum richtigen Zeitpunkt so aufgebaut wird, wie es vom Künstler oder Kurator gewünscht wird. Collection Manager und/oder Registrare hingegen sind primär für die Sammlung zuständig, beschäftigen sich jedoch darüber hinaus stark mit der Dokumentation der Arbeit, sowie mit Sammlungsstrategien. Auch die Nachbereitung einer Ausstellung ist ein wichtiges Feld für den Registrar: Hat sich etwas verändert? Wurde der Zustand der Arbeit beeinflusst? Wird eine Restaurierung benötigt?

Wie eng arbeiten Sie mit den Restauratoren zusammen? 

Wir sind dafür verantwortlich, die Sammlung und den Zustand von Werken regelmäßig zu prüfen. Je nach Zustand der Werke setzen wir uns dann auch mit den Restauratoren in Verbindung. Das ist für uns besonders wichtig, da es viele Arbeiten gibt, die aufgrund ihrer Materialität eine regelmäßige Betreuung und Kontrolle benötigen. Möglicherweise handelt es sich beispielsweise um Plastilin oder Latex, also Materialitäten, die sich im Laufe der Zeiten verändern können. Das ist auch das Spannende an der zeitgenössischen Kunst: Sie ist nah an aktuellen Materialien, über die es teilweise noch wenig oder gar keine Studien von Restauratoren gibt. Die TBA21 arbeitet diesbezüglich auch eng mit der Akademie und der Abteilung der Restauratoren zusammen und vergibt Frage- und Problemstellungen zu Kunstwerken als Seminar- und Diplomarbeit, um entsprechende Recherchen durch die Studenten zu ermöglichen. So finden wir auch heraus, wie man gewisse Phänomene eindämmen oder die Arbeiten bewahren kann.

Im Falle von notwendigen Restaurationen: Inwieweit werden die Künstler selbst einbezogen?

Die Zusammenarbeit mit Künstlern ist essentiell, weil sie naturgemäß die meisten Informationen über die Werke haben. Aufgrund der Tatsache, dass TBA21 viele Arbeiten als Kommissionen beauftragt, begleiten wir häufig den gesamten Produktionsprozess einer künstlerischen Arbeit. Durch Agreements mit dem Künstlern sichern wir uns beide ab, denn Transparenz ist sehr wichtig. Dazu gehören auch Informationen, welche Materialien verwendet wurden, inwieweit sich etwas verändern könnte und wie man im Zweifelsfall damit umgeht. Wenn es eine Arbeit ist, die sich langfristig auflösen wird, muss das auch besprochen werden. Wir haben so einen Fall in der Sammlung von dem Künstler Mario García Torres; Es sind Faxe, die sich mit der Zeit auflösen. Indem wir mit dem Künstler festgehalten haben, dass das passieren wird, ist es für uns völlig in Ordnung. 

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Wie wird man Registrar? 

Ich persönlich habe zuvor schon im kuratorischen Bereich gearbeitet und früh festgestellt, dass ich weniger gern präsentiere, sondern viel lieber organisiere. Als Registrar hat man eine Liebe zum Detail, zur Struktur und zum Projektmanagement. Jeder, der wirklich ganz nah an der Kunst dran sein möchte, ist vermutlich lieber Registrar als Kurator. Denn als Registrar kennt man die Arbeiten in und auswendig. Die Vorder- und Rückseiten, die Rahmen, technische Details und mögliche Macken.

Was sind Ihre täglichen Herausforderungen?

Eine tägliche Routine bzw. einen klassischen Tagesablauf gibt es nicht. Jeder Tag gestaltet sich anders, aber es gibt gewisse Steps, die sich wiederholen. Dazu gehört beispielsweise die Abwicklung der Leihverträge. Es gibt immer wieder Herausforderungen ungeahnter Natur: z.B. die Beschaffung einer Arbeit, die in letzter Minute noch für eine Ausstellung gewünscht wird. Oder eine Arbeit, die angekauft wurde, jedoch in einem anderen Zustand als vereinbart angekommen ist. Oder eine Arbeit gelangt bereits beschädigt zur Ausstellung oder in die Sammlung, weil ein Fehler beim Transport oder beim Versender selbst passiert ist. Die Herausforderungen sind vielfältig, aber das macht das Gebiet auch so spannend. 

Vielen Dank! 

// Valentina Marterer & Sabrina Möller

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ERC – EUROPEAN REGISTRARS CONFERENCE

Der österreichische Verein der Registrare Arc – Austrian Registrars Committee hat die internationale Konferenz der Registrare – ERC – European Registrars Conference – organisiert. Die Konferenz findet vom 8-10. Juni 2016 in der Wiener Hofburg statt.

Mehr unter: www.erc2016.at